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Neue Studie warnt vor psychiatrischen Risiken von Finasterid

Junger Mann prüft Wassertropfen an der Hand über Waschbecken mit Medikamenten und Anleitung.

Viele verschreibungspflichtige Arzneimittel werden mit einer langen Liste möglicher Risiken ausgeliefert – entscheidend ist jedoch die Einordnung. Wie wahrscheinlich sind Nebenwirkungen tatsächlich, wie schwerwiegend sind sie, und wie stehen diese Gefahren im Verhältnis zum Nutzen der Behandlung?

Eine neue Studie legt nahe, dass genau solche Abwägungen bei einem bestimmten Medikament in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht ausreichend ernst genommen wurden – und dass eine vergleichbare Zurückhaltung bei der Prüfung womöglich auch bei anderen Präparaten weiterhin Patientinnen und Patienten unnötigen Risiken aussetzt.

Finasterid: Einsatz seit den 1990er-Jahren und typische Anwendungen

Im Mittelpunkt der Analyse steht Finasterid, ein rezeptpflichtiges Medikament, das seit den 1990er-Jahren von Millionen Männern eingenommen wird. Es wird häufig gegen androgenetischen Haarausfall (männlichen Haarausfall) sowie bei benigner Prostatahyperplasie eingesetzt, also einer gutartigen (nicht krebsbedingten) Vergrösserung der Prostata.

Hinweise auf psychische Nebenwirkungen: von frühen Warnsignalen bis zur aktuellen Evidenz

Schon seit Jahren gebe es Anzeichen dafür, dass Finasterid die Stimmung beeinflussen kann, schreibt Studienautor Mayer Brezis, emeritierter Nephrologe und Medizinprofessor am Hadassah-Hebräischen Universitätsklinikum in Israel.

Trotz zunehmend deutlicher Hinweise auf schwerwiegende psychiatrische Nebenwirkungen – darunter Angst, Depressionen und Suizid – hätten Hersteller sowie medizinische und regulatorische Kreise diese Befunde nach Brezis’ Einschätzung zu wenig beachtet, was der öffentlichen Gesundheit schade.

Die Literaturübersicht umfasst acht Studien aus den Jahren 2017 bis 2023 und bündelt Daten aus mehreren Ländern sowie unterschiedlichen Datensystemen.

Den Ergebnissen zufolge ist das Risiko für Stimmungsstörungen und suizidale Gedanken bei Personen, die Finasterid einnehmen, deutlich höher als bei Personen ohne Einnahme.

„Die Belege sind nicht mehr nur anekdotisch“, sagt Brezis. „Wir sehen inzwischen konsistente Muster in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Und die Folgen könnten tragisch gewesen sein.“

Rolle der Behörden und des Herstellers: Kennzeichnung, interne Dokumente und Pharmakovigilanz

Die US-amerikanische Arzneimittelbehörde FDA führte Depressionen 2011 als mögliche Nebenwirkung von Finasterid auf und ergänzte 2022 Suizidalität – obwohl Forschende bereits 2002 entsprechende Bedenken geäussert hatten.

Im Zusammenhang mit einem Gerichtsverfahren zum Suizid eines Finasterid-Anwenders berichtet Brezis, dass interne FDA-Unterlagen zeigten: Fachleute der Behörde hätten bereits 2010 empfohlen, den Warnhinweis um „suizidale Gedanken und Verhalten“ zu erweitern.

„Der Rat wurde von der Behörde abgelehnt, ohne die interne Diskussion und die Begründung für die endgültige Entscheidung offenzulegen“, schreibt Brezis. Er verweist auf Passagen in FDA-Dokumenten, die als vertraulich geschwärzt wurden – darunter auch Schätzungen, wie viele Menschen betroffen sein könnten.

„Transparenz ist entscheidend, wenn es um inhärente Konflikte zwischen Innovation und Sicherheit, Fortschritt und öffentlicher Gesundheit geht“, schreibt Brezis.

Bis 2011 habe die FDA lediglich 18 Suizide im Zusammenhang mit Finasterid erfasst. Angesichts der weltweiten Nutzung des Medikaments könnten es laut der neuen Studie insgesamt jedoch Tausende gewesen sein. Brezis erklärt das nicht nur mit Untererfassung, sondern spricht von „einem systemischen Versagen der Pharmakovigilanz“.

Nach Brezis’ Darstellung gehört dazu unter anderem, dass der ursprüngliche Hersteller Merck keine naheliegenden Sicherheitsanalysen mithilfe von Datenbanken durchgeführt habe. Zugleich hätten Aufsichtsbehörden solche Untersuchungen weder konsequent eingefordert noch selbst angestossen.

Im Jahr 2021 erklärte Merck gegenüber Reuters: „Die wissenschaftliche Evidenz unterstützt keinen kausalen Zusammenhang zwischen Propecia [ein Markenname für Finasterid] und Suizid oder suizidalen Gedanken, und diese Begriffe sollten nicht in die Kennzeichnung aufgenommen werden.“

„Merck arbeitet kontinuierlich mit Aufsichtsbehörden zusammen, um sicherzustellen, dass potenzielle Sicherheitssignale sorgfältig analysiert und – falls angemessen – in die Kennzeichnung von Propecia aufgenommen werden“, sagte das Unternehmen.

Keine der Studien in der aktuellen Übersicht sei von Merck oder von Behörden initiiert worden; Brezis erwähnt zudem, dass der Mangel an regulatorischer Prüfung möglicherweise auch damit zusammenhänge, dass das Präparat teilweise als kosmetisch eingestuft werde.

Mögliche biologische Mechanismen und anhaltende Beschwerden nach dem Absetzen

Die Wirkung von Finasterid gegen Haarausfall beruht darauf, dass es die Umwandlung von Testosteron in Dihydrotestosteron (DHT) hemmt. Gleichzeitig vermindere das Medikament jedoch auch die Bildung bestimmter Neurosteroide – etwa Allopregnanolon –, die mit der Regulation der Stimmung in Verbindung stehen.

In Studien an nicht-menschlichen Tieren wurde Finasterid zudem mit langfristigen Effekten auf Entzündungsprozesse im Gehirn und mit strukturellen Veränderungen im Hippocampus in Zusammenhang gebracht – einer Hirnregion, die an Lernen, Gedächtnis und Emotionen beteiligt ist.

Selbst nach dem Absetzen könnten psychiatrische Nebenwirkungen über Monate oder Jahre fortbestehen, in einem Zustand, der als „Post-Finasterid-Syndrom“ bekannt ist.

Fachleute hätten wiederholt dargelegt, wie finanzielle Interessen Sicherheitsbedenken bei Arzneimitteln überlagern können – und genau dies vermutet Brezis im Fall von Finasterid.

Das mutmassliche Versagen der Pharmakovigilanz betreffe sowohl Regulierungsbehörden als auch Hersteller; die Studie formuliere deshalb Konsequenzen für alle beteiligten Seiten.

Brezis kommt zu dem Schluss, dass Medikamente wie Finasterid nicht zugelassen werden sollten, solange die Sicherheit nicht klar belegt ist. Und selbst nach einer Zulassung müsse fortlaufende Sicherheitsforschung rechtlich verpflichtend sein, um die Berechtigung der Zulassung dauerhaft zu untermauern.

„Die Lehre ist, dass Regulierungsbehörden vor der Zulassung eines Medikaments für den Markt von den Herstellern verlangen sollten, sich zur Durchführung und Offenlegung fortlaufender analytischer Studien nach der Zulassung zu verpflichten – und dass diese Anforderung auch durchgesetzt werden muss“, schreibt Brezis.

Die Studie wurde im Journal für Klinische Psychiatrie veröffentlicht.

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