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Körperliche Aktivität: Freizeitbewegung verjüngt epigenetische Uhren wie GrimAge – Bewegung bei der Arbeit nicht

Illustration zeigt Arbeiter im Lager und Frau beim Joggen, verbunden durch DNA-Wendel und Text epigenetic clock.

Körperliche-Aktivitätsrichtlinien werten jeden Schritt gleich: ein Schritt im Job zählt genauso wie einer beim Trailrun am Sonntag. Beides geht in die Wochensumme ein.

Auch Fitness-Tracker unterscheiden das nicht. Wer den ganzen Tag Kisten schleppt oder durch Krankenhausflure läuft, bekommt daraus leicht eine unausgesprochene Botschaft: Du bist ja schon aktiv. Eine neue Auswertung mit Daten von 145.000 Menschen zeigt jedoch, dass die Zellen das anders „bewerten“.

Alter in Zellen ablesen

Forschende können winzige chemische Markierungen erkennen, die entlang der DNA verteilt sind. Diese Tags verändern den genetischen Code nicht, sondern liegen gewissermassen „oben drauf“ und regeln, welche Gene im Lauf der Jahre stärker oder schwächer abgelesen werden.

Mit zunehmendem Alter verschiebt sich dieses Muster in vorhersehbarer Weise. Allein anhand dieser Signatur können Statistikerinnen und Statistiker abschätzen, wie alt der Körper biologisch tatsächlich ist.

Diese Messmethoden heissen epigenetische Uhren. Sie stimmen nicht zwingend mit dem Geburtsdatum im Ausweis überein: Manche Menschen wirken biologisch älter, andere jünger. Die Differenz – epigenetische Altersbeschleunigung – wird mit Krankheitsrisiken und der Lebenserwartung in Verbindung gebracht.

Jiatong Shan von der National University of Singapore (NUS) wollte wissen, ob körperliche Aktivität diese Uhren tatsächlich beeinflusst – und ob es darauf ankommt, welche Art von Bewegung es ist.

Jahrzehnte an Daten zusammengeführt

Shan und das Team bündelten 44 Studien zu körperlicher Aktivität und DNA-Methylierungs-Uhren und nutzten dafür Informationen von 145.465 Personen.

Bei den Teilnehmenden lagen Messwerte aus vier verschiedenen Uhren vor: Horvaths, Hannums, PhenoAge und GrimAge. Diese vier Ansätze schätzen das biologische Alter anhand derselben DNA-Methylierungsmuster, setzen jedoch unterschiedliche Modelle ein.

Selbstberichtete Aktivität wurde in MET-Minuten pro Woche umgerechnet – ein einheitliches Mass, das sowohl Intensität als auch Dauer abbildet. Anschliessend wurden die Ergebnisse gepoolt, um zu prüfen, ob und bei welchen Uhren aktive Menschen im Schnitt „langsamer altern“.

Freizeit hinterlässt Spuren

Als die Forschenden Freizeitaktivität betrachteten – also Bewegung in der eigenen Zeit, ausserhalb der Arbeitszeit –, zeigten zwei der vier Uhren eine Veränderung.

Mehr Freizeitbewegung hing konsistent mit niedrigeren Werten bei GrimAge zusammen und in geringerem Ausmass auch bei Horvaths Uhr. Die Effekte waren nicht gross, traten aber über Studie um Studie hinweg stabil auf.

Gerade GrimAge gilt dabei als aussagekräftiger: Diese Uhr wurde aus Blutprotein-Mustern abgeleitet, die mit Sterblichkeit und chronischen Erkrankungen verknüpft sind – nicht nur aus dem kalendarischen Alter.

Ein kleiner Rückgang bei GrimAge wurde mit einem geringeren Risiko in Verbindung gebracht, an Herzkrankheiten, Krebs und anderen altersbedingten Ursachen zu sterben.

Wenn die Zellen einer Radfahrerin oder eines Radfahrers bei GrimAge „jünger“ erscheinen, zeigt sich das als Unterschied im biologischen Alter – dem Wert, den Ärztinnen und Ärzte tatsächlich im Blick haben.

Körperliche Aktivität bei der Arbeit bewirkt nichts

Der auffällige Teil kommt danach: Sobald das Team die berufliche Aktivität getrennt auswertete – moderate, intensive und kombinierte Bewegung im Job –, verschwand der Zusammenhang.

Keine der vier Uhren bewegte sich. Auch eine Aufteilung nach Geschlecht änderte daran nichts. In allen Analysen blieben die Werte praktisch unverändert.

In dieser Grössenordnung war das bislang nicht klar belegt. Eine Zwillingsstudie aus Finnland aus dem Jahr 2021 deutete in diese Richtung. Shan bestätigt es nun über mehr als 145.000 Personen hinweg und über vier verschiedene Methoden, Alter aus DNA-Methylierung zu bestimmen.

Wenn der Grossteil der täglichen Bewegung während der Arbeitszeit stattfindet, erreicht der zelluläre Nutzen, den andere durch einen Spaziergang am Abend erhalten, offenbar nicht im selben Ausmass die DNA.

Das Paradox erklärt

Dieses Muster wird als physical activity paradox bezeichnet: Schwere körperliche Arbeit im Beruf liefert seit Langem oft nicht die herzschützenden Effekte, die man bei vergleichbarer Aktivität in der Freizeit sieht. Der Befund zur Methylierung passt in genau dieses Bild.

Berufliche Bewegung ist häufig repetitiv und eher niedrigintensiv, zieht sich jedoch über viele Stunden – mit wenig echter Erholung. Dadurch entsteht möglicherweise nicht derselbe Wechsel aus Belastung und Regeneration, den ein freiwilliges Training auslöst.

Hinzu kommen Faktoren wie Stress, geringe Autonomie und zu kurzer Schlaf – typische Begleiter körperlich anstrengender Jobs –, die die Zellbiologie ebenfalls in eine ungünstige Richtung verschieben können.

Hannums Uhr und PhenoAge – zwei weitere verbreitete Messwerte – zeigten in den gepoolten Daten keinen signifikanten Zusammenhang mit körperlicher Aktivität.

Nur Horvath und GrimAge reagierten. Damit scheint Bewegung ihre Spuren vor allem in jenen Uhren zu hinterlassen, die „Verschleiss“ und Gesundheitszustand abbilden sollen, weniger in solchen, die vor allem Jahre zählen.

Grenzen der Daten

Die Mehrheit der einbezogenen Studien war querschnittlich angelegt: Sie erfassten Menschen zu einem Zeitpunkt, nicht über längere Zeiträume.

Deshalb könnte der Zusammenhang zwischen Freizeittraining und „jüngeren“ Zellen teilweise auch dadurch erklärt sein, dass gesündere Menschen eher Sport treiben – und nicht ausschliesslich dadurch, dass Sport die Zellalterung biologisch zurückdreht.

In fast allen Studien basierte Aktivität auf Selbstauskünften. Viele Menschen überschätzen dabei ihr Pensum. Berufliche Aktivität wurde zudem oft noch grober erfasst, teils über Berufsbezeichnungen statt über Wearables.

Allerdings weisen umfassendere Übersichten zur Bewegung am Arbeitsplatz auch bei Herz-Kreislauf-Endpunkten immer wieder auf genau diese Messlücke hin.

Körperliche Aktivität, epigenetische Uhren und menschliche Gesundheit

Klarer als zuvor ist nun: Über 44 Studien und rund 145.000 Menschen hinweg geht Freizeitaktivität mit „jüngeren“ Werten bei den Uhren einher, die Gesundheit und Sterblichkeit am besten abbilden. Bewegung während der Arbeit tut das nicht.

Damit verändert sich auch die Botschaft in der Sprechstunde, wenn jemand sagt, er oder sie sei „den ganzen Tag auf den Beinen“. Aktivität im Job ist biologisch nicht dasselbe wie ein 30-minütiger Spaziergang nach dem Abendessen.

Die nächste Welle an Studien kann jetzt präziser fragen: Zieht strukturiertes Training in der Freizeit GrimAge in Echtzeit tatsächlich nach unten?

Und es steckt auch ein Hinweis für alle drin, die Schritte zählen: Der „Fingerabdruck“, den Zellen im Labor hinterlassen, scheint sich nicht dafür zu interessieren, wie viele Schritte bei der Arbeit zusammenkommen – sondern für die, die man sich bewusst vornimmt.

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