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COSMOS-Studie: Multivitamine und epigenetische Uhren bei über 70

Ältere Frau sitzt am Tisch mit gesunder Mahlzeit, hält eine Kapsel, Stethoskop und Wasserglas neben ihr.

Daten aus einer viel beachteten US-Studie legen nahe, dass ein tägliches Multivitaminpräparat bei Menschen über 70 einzelne Alterungsprozesse geringfügig ausbremsen könnte. Hinter den großen Schlagzeilen steckt allerdings ein deutlich nuancierteres Ergebnis: Die Effekte sind klein, ihre praktische Bedeutung ist offen, und bei der Finanzierung spielte die Branche sichtbar mit.

Was das COSMOS-Projekt überhaupt untersucht hat

Die hier diskutierten Ergebnisse stammen aus dem groß angelegten COSMOS-Projekt, ausgeschrieben als „Cocoa Supplement and Multivitamin Outcomes Study“. Forschende am Brigham and Women’s Hospital in Boston, einer Partnerklinik von Harvard, gingen der Frage nach, ob sich durch Multivitamine oder Kakaoextrakte messbare Veränderungen beim Altern nachweisen lassen.

Für den aktuellen Studienteil wurden knapp 1.000 Frauen und Männer eingeschlossen, alle mindestens 70 Jahre alt. Per Zufallsprinzip teilte man sie in vier Gruppen ein; über zwei Jahre nahmen sie täglich:

  • ein handelsübliches Multivitaminpräparat plus 500 mg Kakaoextrakt,
  • ausschließlich Kakaoextrakt plus ein Placebo,
  • ausschließlich das Multivitaminpräparat plus ein Placebo,
  • oder zwei Placebos.

Die Untersuchung war doppelblind: Weder Teilnehmende noch das Studienteam wussten, wer welche Kombination erhielt. Dieses Vorgehen gilt als Goldstandard, weil Erwartungs- und Beobachtungseffekte so weit wie möglich reduziert werden.

Epigenetische Uhren: Wie das Altern gemessen wurde

Statt das Alter nur in Jahren zu betrachten, arbeiteten die Forschenden mit sogenannten epigenetischen Uhren. Der Ansatz dahinter: Am Erbgut lassen sich über chemische Markierungen auf der DNA – konkret über Methylierungsmuster – Hinweise ablesen, wie weit der biologische Alterungsprozess fortgeschritten ist.

Im Detail wertete das Team fünf verschiedene „epigenetische Signaturen“ aus. Diese basieren auf Methylgruppen-Mustern an festgelegten DNA-Positionen und dienen statistisch als Marker für:

  • biologisches Alter,
  • Tempo des Alterns,
  • Risiko für vorzeitige Sterblichkeit.

Blutproben wurden zu Studienbeginn sowie nach 12 und nach 24 Monaten entnommen. Dadurch ließ sich prüfen, ob sich die epigenetischen Uhren in den vier Gruppen unterschiedlich schnell „weiterstellten“.

Die zentrale Aussage: Multivitamine scheinen bestimmte epigenetische Alterungsmarker minimal zu verlangsamen – besonders bei Seniorinnen und Senioren, deren Marker zu Beginn bereits „voraus“ waren.

Was die Forschenden tatsächlich gefunden haben

In der Analyse zeigte sich: In den Gruppen mit Multivitaminpräparat (mit oder ohne Kakao) war die epigenetische Alterung über alle fünf gemessenen Signaturen hinweg leicht verlangsamt. Am stärksten fiel das bei zwei Uhren aus, die besonders eng mit Sterblichkeit verknüpft sind.

Umgerechnet auf zwei Jahre entspricht die Differenz gegenüber der Placebo-Gruppe einem rechnerischen „Vorsprung“ von rund vier Monaten beim biologischen Alter. Nach diesen Labor-Markern wirkten Personen mit Multivitamin-Einnahme also biologisch etwas jünger als Teilnehmende, die lediglich Scheinpräparate bekamen.

Auffällig war außerdem: Der Nutzen war ausgeprägter bei Menschen, die bereits zu Beginn ein beschleunigtes epigenetisches Altern zeigten. Wer in den Markern „älter als das chronologische Alter“ wirkte, schien demnach geringfügig stärker zu profitieren.

Für den Kakaoextrakt allein fand sich hingegen kein überzeugender Effekt. Weder als Ergänzung zum Multivitaminpräparat noch als Einzelintervention ergaben sich klare positive Veränderungen in den epigenetischen Uhren.

Warnung vor überzogenen Hoffnungen

Den medialen Überschwang rund um „Multivitamine stoppen das Altern“ teilen die Autorinnen und Autoren selbst nur eingeschränkt. In Nature Medicine ist ausdrücklich von „statistisch signifikanten, aber begrenzten Effekten“ die Rede, verbunden mit dem Hinweis, dass deutlich größere und länger laufende Studien notwendig sind.

Das Ergebnis ist kein Anti-Falten- oder Anti-Gebrechlichkeits-Wundermittel, sondern ein kleiner, statistisch nachweisbarer Unterschied in Labor-Markern.

Vor allem bleibt offen, was die gemessenen Verschiebungen praktisch bedeuten. Führt ein minimal langsameres epigenetisches Altern tatsächlich zu weniger Herzinfarkten, Demenzen oder Krebserkrankungen? Oder handelt es sich eher um einen wissenschaftlich interessanten Laborwert, der im Alltag kaum Konsequenzen hat?

Epigenetische Uhren sind noch kein Alltagstool

Zwar gelten viele epigenetische Marker in großen Bevölkerungsstudien als brauchbare Prognoseinstrumente für Langlebigkeit. In der Routineversorgung spielen sie bislang jedoch kaum eine Rolle: Die Analysen sind komplex, kostenintensiv und wissenschaftlich noch nicht in allen Punkten abgesichert.

Dazu kommt, dass die zugrunde liegenden Mechanismen häufig unklar sind. Wie genau Ernährung, Bewegungsmangel, Stress, Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel diese epigenetischen Muster beeinflussen, lässt sich bislang nur teilweise schlüssig erklären.

Einfluss der Industrie: Wer das COSMOS-Projekt bezahlt

Kritisch diskutiert wird auch die Finanzierung: Hinter COSMOS steht nicht ausschließlich öffentliche Forschung. Neben US-Gesundheitsbehörden unterstützten mehrere Unternehmen und Verbände aus der Lebensmittel- sowie Nahrungsergänzungsbranche das Projekt.

Zu den Förderern zählen unter anderem:

  • der Lebensmittelkonzern Mars (mit seiner Sparte Mars Edge für Ernährung),
  • Pfizer Consumer Healthcare, inzwischen als Haleon bekannt,
  • Foxo Technologies, Anbieter epigenetischer Tests,
  • American Pistachio Growers, ein Verband der Pistazien-Industrie,
  • der Council for Responsible Nutrition, ein Lobbyverband von Nahrungsergänzungsherstellern.

Die Forschenden betonen, sie hätten unabhängig gearbeitet und keine inhaltliche Einflussnahme der Geldgeber erlebt. Trotzdem bleibt ein Restzweifel: Würden identische Resultate ohne Beteiligung aus der Supplement-Industrie vermutlich gelassener eingeordnet?

Tablette oder Teller – was bringt mehr fürs Altern?

Studienleiter Howard Sesso macht selbst deutlich, dass Multivitamine höchstens ein kleines Puzzlestück darstellen. Ausschlaggebend seien langfristig Ernährungsgewohnheiten und Lebensstil. Ein direkter Vergleich „tägliche Pille“ versus konsequent gesundes Essen und Leben fehlt bisher.

Für den Alltag könnte eine sinnvolle Prioritätenliste so aussehen:

  • Rauchstopp und möglichst wenig Alkohol,
  • tägliche Bewegung und Krafttraining im Rahmen der eigenen Möglichkeiten,
  • ballaststoffreiche Kost mit viel Gemüse, Obst, Vollkorn und Hülsenfrüchten,
  • ausreichend Schlaf und Stressreduktion,
  • erst danach die Abwägung, ob ein Multivitaminpräparat zusätzlich sinnvoll ist.

Viele Fachgesellschaften empfehlen gesunden Menschen weiterhin, Vitamine und Mineralstoffe primär über eine ausgewogene Ernährung aufzunehmen. Nahrungsergänzung kann bei nachgewiesenen Mängeln oder besonderen Situationen sinnvoll sein – etwa bei Vitamin-D-Mangel, in der Schwangerschaft oder nach bestimmten Operationen. Eine pauschale „Jungbrunnen“-Wirkung lässt sich aus der COSMOS-Studie jedoch nicht ableiten.

Was Seniorinnen und Senioren aus der Studie mitnehmen können

Wer bereits Multivitamine einnimmt, muss angesichts der neuen Daten weder euphorisch werden noch alles empört entsorgen. Plausibel ist vor allem eine nüchterne Einordnung:

  • Es gibt Hinweise auf eine leichte Verlangsamung bestimmter Alterungsmarker.
  • Die klinische Relevanz bleibt unklar.
  • Mehr Forschung mit unabhängiger Finanzierung ist nötig.
  • Ein gesunder Alltag dürfte Lebensdauer und Lebensqualität stärker beeinflussen als jede Pille.

Wer neu mit einem Multivitaminpräparat beginnen möchte, sollte das idealerweise mit Hausarzt oder Hausärztin besprechen – insbesondere im höheren Alter, wenn häufig mehrere Medikamente parallel eingenommen werden. Manche Vitamine können in hohen Dosen schaden oder mit Arzneimitteln wechselwirken.

Wie ein „Anti-Aging-Check“ beim Arzt realistischer aussehen kann

Statt auf teure epigenetische Labortests zu setzen, lohnt zunächst der Blick auf klassische, gut etablierte Gesundheitsfaktoren. Viele Praxen orientieren sich an einfachen, aber belastbaren Parametern:

Faktor Warum er zählt
Blutdruck Hohe Werte schädigen Gefäße und erhöhen Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko.
Blutfette & Blutzucker Geben Aufschluss über Stoffwechsel, Diabetes- und Herzrisiko.
Körpergewicht & Muskelkraft Spiegeln Bewegungsverhalten und Sturzrisiko im Alter.
Ernährungs- und Bewegungsprofil Zeigt Ansatzpunkte, die deutlich mehr bewirken können als ein Supplement.

Wer in diesen Bereichen gut aufgestellt ist, reduziert sein persönliches Krankheitsrisiko deutlich – unabhängig davon, ob eine epigenetische Uhr im Labor rechnerisch ein paar Monate langsamer läuft.

Wo die Forschung zu Multivitaminen und Altern noch hin muss

Zukünftige Studien werden voraussichtlich mehrere Ebenen zusammenbringen müssen: epigenetische Marker, klassische klinische Endpunkte wie Herzinfarkte oder Demenzen und die tatsächliche Lebensqualität. Erst wenn sich zuverlässig zeigt, dass Veränderungen an epigenetischen Uhren mit weniger Erkrankungen und mehr gesunden Lebensjahren einhergehen, wäre ihr Einsatz im Alltag wirklich gerechtfertigt.

Interessant bleibt zudem die Frage nach Kombinationseffekten: Was passiert mit epigenetischen Uhren, wenn Menschen parallel ihre Ernährung verbessern, sich mehr bewegen, Stress reduzieren und möglicherweise ein Multivitaminpräparat einnehmen? Einzelstudien zu einzelnen Pillen können davon nur einen sehr kleinen Ausschnitt abbilden.


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