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Make-up und Persönlichkeit: Was eine Studie über die dunkle Triade zeigt

Frau trägt bunte Augen-Make-up auf und benutzt Pinsel vor rundem Spiegel an Schminktisch mit Kosmetik.

Viele verbinden Make-up mit Hypes, Influencerinnen und dem schnellen Wimperntusch-Gang am Morgen. Eine aktuelle Untersuchung deutet jedoch darauf hin, dass hinter Foundation, rotem Lippenstift oder dem „No-Make-up-Look“ häufig wiederkehrende psychologische Muster stehen. Wie sich jemand schminkt, lässt sich messbar mit Persönlichkeitstypen in Verbindung bringen – einschliesslich der berüchtigten „dunklen“ Charakterzüge.

Warum Forscherinnen und Forscher sich plötzlich für Mascara interessieren

Trends kommen und gehen: von den hauchdünnen Augenbrauen der 90er bis zu Highlighter und Contouring heute. Auffällig bleibt dabei, dass Menschen nicht gleichförmig jedem Trend folgen. Einige setzen konsequent auf Natürlichkeit, andere mögen es dramatisch und glitzernd, und viele bewegen sich irgendwo zwischen diesen Polen.

Genau an diesem Punkt setzt eine Studie an, die im Fachjournal „Archives of Sexual Behavior“ veröffentlicht wurde. Ein Forschungsteam aus Brasilien wollte herausfinden, ob Schminkgewohnheiten mit bestimmten Persönlichkeitsmerkmalen zusammenhängen – und zwar nicht nur mit eher neutralen Eigenschaften wie „offen“ oder „schüchtern“, sondern auch mit Facetten der sogenannten „dunklen Triade“.

Make-up ist laut der Studie nicht nur Stilfrage – es kann ein unbewusstes Werkzeug sein, um Bedürfnisse nach Aufmerksamkeit, Sicherheit oder Kontrolle zu stillen.

Für die Analyse wurden 1410 Frauen befragt. Sie absolvierten online Tests zu zwei etablierten Persönlichkeitsmodellen:

  • Big Five: Extraversion, Verträglichkeit, Gewissenhaftigkeit, Offenheit und Neurotizismus
  • Dunkle Triade: Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie

Zusätzlich machten die Teilnehmerinnen Angaben dazu, wie oft sie Make-up verwenden, wie viel Zeit und Geld sie dafür aufwenden und wie stark sie ihren Look je nach Situation verändern – etwa allein zu Hause, im Büro, auf Partys oder beim ersten Date.

Make-up im Alltag: Allein eher wenig, Date eher viel

Ein eindeutiges Muster zeigte sich sehr schnell: Wenn keine anderen Personen anwesend sind, nutzen die meisten deutlich seltener Puder, Mascara und Co. In sozialen Kontexten nimmt der Aufwand zu – am deutlichsten beim ersten Date.

Das erste Kennenlernen mit einer neuen Person wirkt damit wie ein Verstärker: Viele geben hier buchstäblich „mehr auf ihr Gesicht“. Aus Sicht der Forschenden deutet das darauf hin, dass Make-up häufig strategisch genutzt wird, um Wirkung zu erzeugen, sich sicherer zu fühlen oder einen bestimmten Typ zu vermitteln.

Narzissmus und Schminkroutine: Wer mehr Bewunderung will, schminkt länger

Am stärksten fiel der Zusammenhang beim Narzissmus aus. Hohe Narzissmus-Werte gehen typischerweise mit einem ausgeprägten Wunsch nach Bewunderung, Aufmerksamkeit und Anerkennung einher.

Die Untersuchung zeigte: Frauen mit deutlich narzisstischem Profil

  • verwenden Make-up häufiger,
  • reservieren mehr Zeit für das Schminken,
  • investieren spürbar mehr Geld in Kosmetik,
  • verändern ihren Look stark je nach Anlass – besonders dann, wenn sie neuen Menschen begegnen.

In diesem Fall wird Make-up zur Bühne: Wer sich narzisstischer erlebt, kann Schminke nutzen, um sich zu inszenieren und Reaktionen auszulösen – ob bewusst gesteuert oder eher unbewusst.

Extravertiert? Dann wird Make-up zur Visitenkarte

Auch bei Extraversion ergaben sich klare Muster. Extravertierte Frauen gaben ebenfalls mehr Geld für Kosmetikprodukte aus. Der Unterschied zu narzisstischen Teilnehmerinnen: Sie setzen Make-up tendenziell weniger als Kontext-Anpassung ein, sondern stärker als Ausdruck der eigenen Person.

Extravertierte setzen Make-up wie ein Megafon für die eigene Ausstrahlung ein – nicht zwingend, um perfekt zu wirken, sondern um „ich bin hier“ zu signalisieren.

Laut Studie berichten viele Extravertierte, dass Make-up ihr Selbstbewusstsein steigert und dass sie Styling eher als Experimentierfeld sehen. Knalliger Lippenstift, farbiger Lidschatten, Glitzer – für sie ist das oft Kommunikation: „So bin ich, schaut hin.“

Psychopathie: Wenig Interesse an Anpassung, wenig Make-up

Interessant wird es beim Merkmal Psychopathie. In der Persönlichkeitsforschung meint das nicht das Bild aus Hollywood, sondern eher eine Kombination aus:

  • starker Impulsivität,
  • emotionaler Kälte,
  • geringem Interesse an den Gefühlen anderer.

Teilnehmerinnen mit höheren Ausprägungen in diesem Bereich schminkten sich der Studie zufolge insgesamt weniger als narzisstische Frauen – und ihre Gewohnheiten blieben vergleichsweise konstant. Ihren Look änderten sie von Situation zu Situation nur minimal.

Die Forschenden erklären das so: Wer stärker psychopathisch geprägt ist, orientiert sich tendenziell weniger an Erwartungen und Bewertungen anderer. Entsprechend wird Make-up seltener als Anpassungs- oder Inszenierungsinstrument genutzt. Was nicht als wichtig erlebt wird, erhält auch weniger Zeit und Budget.

Neurotizismus: Make-up als Schutzschild in sozialen Situationen

Ein weiterer Zusammenhang zeigte sich beim Neurotizismus. Menschen mit hohen Werten gelten als emotional labiler, schneller ängstlich und leichter verunsicherbar.

Bei diesen Frauen fand sich ein Muster, das dem der Narzisstinnen ähnelt: Sie richteten ihren Make-up-Einsatz stärker nach der Situation aus und schminkten sich deutlich intensiver, sobald sie nicht allein waren.

Für emotional instabilere Frauen kann Make-up zu einer Art Rüstung werden, die mehr Kontrolle, Sicherheit und Distanz in sozialen Momenten gibt.

So kann Eyeliner zum Werkzeug werden, um subjektiv Kontrolle zurückzugewinnen: Wer sich unsicher fühlt, erlebt ein bewusst gestaltetes Gesicht mitunter als Hilfe, die Lage besser zu „steuern“. „Ich sehe zurechtgemacht aus, also wirke ich stabiler“ – vereinfacht lässt sich damit der Effekt beschreiben.

Was dein Schminkstil über deine Motive verraten kann

Aus einer Vorliebe für roten Lippenstift lässt sich natürlich kein vollständiges Persönlichkeitsprofil ableiten. Dennoch zeigen die Daten, dass bestimmte Muster häufiger gemeinsam auftreten.

Schminkverhalten Mögliche innere Motive
Stark situationsabhängig, viel Aufwand vor Dates Wunsch nach Bewunderung, gutes Image, Unsicherheit in neuen Kontakten
Konstant auffälliger Look, auch im Alltag Extraversion, Bedürfnis nach Sichtbarkeit, Freude an Selbstausdruck
Sehr wenig Make-up, kaum Variation Geringere Anpassungsbereitschaft, Pragmatismus, weniger Fokus auf Fremdwirkung
Deutlich stärker geschminkt in Gruppen als allein Suche nach Sicherheit und Kontrolle in sozialen Situationen

Wie viel sagt das alles wirklich über eine Person?

Die Forschenden weisen selbst darauf hin: Die Ergebnisse sind Anhaltspunkte, keine endgültigen Urteile. Es handelt sich um eine Momentaufnahme aus einem bestimmten Land, einer Kultur und einer spezifischen Gruppe von Frauen. Andere Altersgruppen, andere Länder oder Männer könnten zu deutlich anderen Mustern führen.

Trotzdem kann es lohnend sein, kurz in den eigenen Spiegel zu schauen. Wer feststellt, dass er nur noch mit aufwendigem Make-up unter Leute geht, könnte sich fragen: Ist das vor allem Freude am Styling – oder steckt die Sorge dahinter, ungeschminkt nicht „gut genug“ zu sein? Und wer Produkte primär nutzt, um mehr Likes und Komplimente zu bekommen, erkennt möglicherweise Aspekte narzisstischer Strategien wieder.

Praktische Fragen, die dir dein Spiegel nicht beantwortet

Spannend wird es, wenn man sich selbst ein paar ehrliche Fragen stellt:

  • Schminke ich mich heute, weil ich Lust auf den Look habe – oder weil ich denke, ich „muss“ so aussehen?
  • Wäre ich im selben Outfit auch ohne Make-up entspannt unter Menschen?
  • Verändere ich meinen Stil stark, je nachdem, wer dabei ist?
  • Fühle ich mich „blank“ oder verletzlich, wenn ich ungeschminkt bin?

Oft sagen die Antworten mehr über die innere Haltung als über die Produkte im Bad. Sie können Hinweise liefern, wo Selbstvertrauen tatsächlich sitzt – und wo eine Fassade beginnt.

Risiken, Chancen und ein realistischer Blick auf Kosmetik

Make-up ist an sich weder gut noch schlecht. Es kann Freude machen, Kreativität anregen, einen miesen Tag abfedern oder schlicht Teil eines persönlichen Rituals sein. Kritisch wird es eher dann, wenn das eigene Gesicht ohne Schminke kaum noch auszuhalten scheint oder wenn der Hunger nach Bewunderung ständig nach neuen Produkten verlangt.

Umgekehrt kann ein bewusster Umgang mit Kosmetik auch stärken: Wer sein Gesicht besser kennenlernt, probiert eher Neues aus, nimmt sich gezielt Zeit für sich und entwickelt oft eine entspanntere Haltung gegenüber vermeintlichen „Makelzonen“. Einige Psychotherapeutinnen berichten zudem, dass das bewusste Abschminken am Abend für manche Klientinnen bedeutsam ist: der Moment, in dem nur noch das eigene, nicht inszenierte Ich übrig bleibt.

Letztlich gilt: Wie du dich schminkst, kann unter Umständen mehr über deine inneren Strategien im Umgang mit anderen aussagen, als dir lieb ist. Es kann zeigen, ob du Aufmerksamkeit suchst, Sicherheit brauchst, Abstand herstellen willst oder einfach Freude daran hast, mit Farben zu spielen. Der Spiegel zeigt das Gesicht – die Routine davor erzählt die Geschichte.

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