Zum 75. Jubiläum des traditionsreichen Schönheitswettbewerbs meldet sich eine Stimme zu Wort, die das Ereignis aus einer ganz anderen Epoche kennt: Muguette Fabris, zu Beginn der 1960er Jahre gekrönt, beschreibt, wie sehr sich das Format verändert hat – und weshalb etliche Kandidatinnen nach dem Finale das Gefühl haben, ein Stück ihrer eigenen Persönlichkeit verloren zu haben.
Eine Miss aus den 60ern beobachtet die Show von heute
Muguette Fabris gehörte Anfang der 1960er Jahre zu den bekanntesten jungen Frauen des Landes. Ihre Krönung fand in einem historischen Theater statt; zugleich war sie Mathematiklehrerin und wurde später sogar an der Elitehochschule Polytechnique zugelassen. Damit steht sie für ein Miss-Verständnis, das kaum etwas mit Instagram-Filtern oder grossen Coaching-Teams zu tun hat.
Auch heute schaut sie die grosse Gala Jahr für Jahr im Fernsehen. Mit einem Notizblock vor sich erstellt sie ihre eigene Rangliste der Kandidatinnen. Das Spektakel fasziniert sie nach wie vor, die Abläufe sind ihr vertraut – und gerade deshalb fällt ihr auf, was sich über die Zeit verschoben hat.
Im Moment der Wahl, sagt sie, verlieren manche Kandidatinnen einen Teil ihrer Eigenart, weil sie zu stark gesteuert werden und Sätze auswendig aufsagen.
Für Fabris liegt genau darin der Knackpunkt: Die jungen Frauen erscheinen makellos vorbereitet, wirken dabei jedoch oft so glatt, dass sie einander ähneln.
Zu viel Coaching, zu wenig Persönlichkeit?
Aus ihrer Sicht werden heutige Teilnehmerinnen bereits ab der ersten Casting-Runde eng begleitet und systematisch trainiert. Catwalk-Übungen, Interview-Training, Beratung für Social Media – all das gehört inzwischen dazu. Das sorgt für Glanz und Professionalität auf der Bühne, kostet aber häufig Spontaneität.
So beschreibt die ehemalige Miss, was sich ihrer Meinung nach im Scheinwerferlicht zeigt:
- Emotionen sind gross, aber stark kontrolliert.
- Antworten klingen auswendig gelernt statt authentisch.
- Eigene Gedanken verschwinden im strengen Show-Takt.
- Das Format erzeugt ein Ideal, dem sich viele anpassen.
Die Kandidatinnen sollen möglichst breit gefallen – verständlich, schliesslich stimmen Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer ab. Gerade dieser Druck kann jedoch dazu führen, dass Ecken und Kanten verschwinden und am Ende vor allem polierte, aber sehr ähnliche Fassaden präsentiert werden.
Das Wissen der Kandidatinnen – gute Idee, halbherzig umgesetzt
Positiv findet Fabris, dass heute nicht mehr nur Aussehen und Bühnenpräsenz zählen, sondern auch Allgemeinwissen. Frageblöcke zu Geschichte, Kunst oder Politik hält sie grundsätzlich für sinnvoll. Allerdings geht ihr das Niveau der Aufgaben nicht weit genug.
Sie wünscht sich, dass die Kandidatinnen spontan antworten, statt nur Kästchen in einem Multiple-Choice-Test anzukreuzen.
Ein offener Austausch wäre ihrer Ansicht nach spannender – und ehrlicher. Wer im Rampenlicht bestehen möchte, sollte eigene Gedanken verständlich und präzise formulieren können.
Damals keine Medienprofis, heute Show-Talente
Der Abstand zu ihrer eigenen Zeit könnte für Fabris kaum grösser sein. Sie erinnert sich an Bühnenwelten ohne Coaching-Teams, ohne stundenlange Briefings und ohne den Druck permanenter Social-Media-Präsenz. Hinter der Bühne standen vor allem Journalistinnen und Journalisten, die Fragen stellten – und Antworten erwarteten, ganz ohne vorherige Abstimmung.
Die damaligen Teilnehmerinnen:
- erhielten kein Interview-Training,
- hatten keinen fertigen Medienfahrplan,
- mussten direkt und spontan reagieren,
- standen vor allem für sich selbst – nicht für eine Marke.
Auch die Lebensläufe wirkten insgesamt bodenständiger. Fabris legte ihre Tätigkeit als Lehrerin nicht auf Eis, sondern arbeitete weiter. Die Krone war ein Abschnitt ihres Lebens – kein kompletter Neustart ihrer Zukunft.
Heute locken Show-Biz und Influencer-Karrieren
Bei aktuellen Kandidatinnen erkennt sie dagegen einen deutlichen Trend: Viele setzen auf eine Laufbahn im Fernsehen, im Radio oder als Influencerin. Der Wettbewerb wird so zum Sprungbrett in die Medienwelt.
Damit ist jedoch ein Risiko verbunden. Nur wenige bleiben langfristig im öffentlichen Fokus. Andere stehen nach ein oder zwei intensiven Jahren wieder am Anfang – ohne abgeschlossene Ausbildung und mit Erwartungen, die sich im Alltag oft nicht erfüllen.
Fabris rät deshalb allen jungen Frauen, früh an ihre berufliche Zukunft zu denken – unabhängig vom Ausgang eines Schönheitswettbewerbs.
Besonders kritisch beurteilt sie den Einfluss sozialer Netzwerke. Ein unvorteilhaftes Foto oder ein missverständlich formulierter Kommentar könne reichen, um eine mühsam aufgebaute Reputation in kurzer Zeit zu beschädigen.
Zwischen Tradition und Wandel: Wie viel Veränderung verträgt die Show?
In den letzten Jahren wurden die Regeln des Wettbewerbs spürbar offener. Altersgrenzen, Vorgaben zu Familienstand oder Körperbild stehen zur Debatte und werden schrittweise angepasst. Fabris kann manchen Entwicklungen etwas abgewinnen, anderen begegnet sie mit Skepsis.
Sie mochte die frühere Linie, nach der bestimmte Lebenssituationen ausgeschlossen waren, weil damit eine klare Vorstellung von der Rolle der Siegerin im öffentlichen Leben verbunden war. Aus ihrer Sicht vermittelt der Wettbewerb so oder so ein Bild von Weiblichkeit – und dieses Bild wirkt auf Generationen von Zuschauerinnen.
Gleichzeitig betont sie, dass jede Frau nach ihren eigenen Vorstellungen leben und lieben soll. Niemand solle sein Privatleben einem Show-Format unterordnen müssen. Für sie sind Bildung und Erziehung entscheidend: Wer früh lernt, selbstständig zu denken, trifft später sicherere Entscheidungen – auf der Bühne ebenso wie im Berufsalltag.
Wie Digitalisierung und KI den Wettbewerb verändern könnten
Ein Thema, das die frühere Miss besonders umtreibt, ist das Tempo des technischen Fortschritts. Video-Castings, Filter, Retusche, Bewertungsalgorithmen – Technologie greift schon heute tief in Auswahl und Präsentation ein. Mit KI könnten sich diese Effekte noch deutlich verstärken.
Mögliche Szenarien, über die in der Branche gesprochen wird:
- KI-Tools, die automatisch die „ausdrucksstärksten“ Fotos auswählen.
- Software, die Auftritte auswertet – von der Mimik bis zur Wortwahl.
- Virtuelle Trainingsprogramme für Laufsteg, Stimme und Interviews.
- Simulierte Social-Media-Reaktionen, bevor eine Show live geht.
Solche Hilfsmittel können Prozesse beschleunigen und vereinfachen. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass ein algorithmisch geformtes Ideal entsteht, dem reale Menschen kaum noch entsprechen können.
Was junge Kandidatinnen aus dieser Erfahrung lernen können
Aus Muguette Fabris’ Perspektive ergeben sich mehrere praktische Ratschläge, die weit über einen Schönheitswettbewerb hinausreichen:
- Eigenes Profil schärfen: Die eigenen Stärken kennen – nicht nur das äussere Erscheinungsbild.
- Ausbildung sichern: Schul- und Berufsweg planen, bevor die TV-Scheinwerfer angehen.
- Medienkompetenz aufbauen: Chancen und Risiken von Social Media nüchtern einschätzen.
- Grenzen setzen: Vorgaben von Management oder Agentur nicht reflexhaft übernehmen.
Gerade Social Media bereitet der ehemaligen Miss sichtbar Unbehagen. Sie selbst lehnt diese Plattformen ab, weil sie beobachtet, wie stark der Druck zur dauernden Selbstinszenierung geworden ist. Wer sich auf den Wettbewerb einlässt, sollte zumindest wissen, wie unerbittlich Kommentarspalten und die Logik von Likes sein können.
Aufschlussreich ist auch, wie sie über Emanzipation spricht. Für sie beginnt echte Unabhängigkeit nicht im Blitzlicht, sondern im Alltag: mit einem eigenen Einkommen, guter Bildung und der Fähigkeit, Entscheidungen ohne fremde Regie zu treffen. Der Wettbewerb könne Türen öffnen – aber er ersetze kein stabiles Lebensfundament.
Zurück bleibt bei ihrem Blick auf die moderne Show ein zwiespältiger Eindruck: Bewunderung für die professionelle Inszenierung, zugleich Sorge um die persönliche Freiheit der jungen Frauen. Das Format wird grösser, schneller und digitaler – und damit wächst die Frage, ob für den Charakter der Kandidatinnen noch ausreichend Raum bleibt.
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