In den vergangenen Wochen sind in sozialen Netzwerken immer wieder Videos aufgetaucht, in denen Männer ihre Wimpern kürzen oder sogar abrasieren. Dahinter steckt die Vorstellung, dass kurze Wimpern „männlicher“ wirken.
An Haaren – auch an so kleinen wie Wimpern – lassen sich soziale und kulturelle Wertvorstellungen ablesen. Wie der kanadische Soziologe Anthony Synnott beschreibt, können sie tief verankerte Annahmen über biologisches Geschlecht widerspiegeln, etwa: „Gegensätzliche Geschlechter haben gegensätzliches Haar“ und „Kopfhaar und Körperhaar stehen im Gegensatz zueinander“.
Doch haben vermeintliche Geschlechtsunterschiede bei Wimpern überhaupt eine biologische Grundlage? Und welche gesundheitlichen Risiken entstehen, wenn man an den Wimpern herumarbeitet?
Wenn allein der Gedanke, dass ein surrender Rasierer in die Nähe Ihrer Augen kommt, Unbehagen auslöst, ist das durchaus begründet.
Bestimmt das Geschlecht die Wimpernlänge?
Die meisten gleichwarmen Tiere besitzen Wimpern. Beim Menschen beginnen sie sich im Mutterleib ungefähr ab der siebten Schwangerschaftswoche zu entwickeln; nach etwa sechs Monaten sind sie vollständig ausgebildet.
Üblicherweise haben wir am Oberlid etwa 100 bis 150 Wimpern, die in zwei oder drei Reihen wachsen. Am Unterlid sind es ungefähr halb so viele.
Die Wimpernlänge beträgt meist etwa ein Drittel der Augenbreite. Die unteren Wimpern sind kürzer (6–8 Millimetre) als die oberen (8–12 mm).
Wie dicht, lang, dick oder gebogen Wimpern sind, ist genetisch festgelegt. Es gibt jedoch keinen Beleg dafür, dass diese anatomischen Unterschiede mit dem Geschlecht zusammenhängen.
Die Annahme, Männer hätten „von Natur aus“ kurze Wimpern – während die von Frauen länger, dunkler und kräftiger seien –, ist damit kulturell geprägt und nicht biologisch begründet.
Unabhängig von Geschlecht oder Gender erfüllen Wimpern mehrere zentrale Aufgaben.
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Wozu sind Wimpern da?
Schutz
Wimpern wirken als Barriere gegen Staub, Schmutzpartikel, Insekten, Bakterien und Chemikalien (zum Beispiel Haarspray und Deodorants) und halten sie davon ab, ins Auge zu gelangen.
Tränen bilden einen Flüssigkeitsfilm, der das Auge überzieht und es geschmeidig hält. Wimpern tragen ausserdem dazu bei, dass Luft diesen Film nicht so leicht austrocknet.
Aus aerodynamischer Sicht sind Wimpern mittlerer Länge (8 mm) ideal, um ein Austrocknen der Augenoberfläche zu verhindern. Sehr kurze Wimpern setzen die Oberfläche stärker dem Luftstrom aus; sehr lange Wimpern können hingegen mehr Luft in Richtung der Augenoberfläche leiten.
Zusätzlich schützen Wimpern vor Blendung, indem sie die Lichtmenge, die ins Auge gelangt, um bis zu 24 % reduzieren.
Wahrnehmung
Wimpern sind sehr empfindlich. Bereits eine Berührung kann einen Lidschlussreflex auslösen, sodass sich das Auge schliesst – ein Schutzmechanismus gegen unerwünschte Fremdstoffe.
Das Blinzeln sorgt ausserdem dafür, dass Tränen freigesetzt und über die Augenoberfläche verteilt werden.
Soziale Interaktion
Wimpern spielen auch in der Kommunikation eine Rolle. Langsames Blinzeln kann Aufmerksamkeit oder Flirtbereitschaft signalisieren – und Wimpern können diesen Ausdruck zusätzlich betonen.
Wimperntusche oder künstliche Wimpern heben die Wimpern stärker hervor und lassen die Augen grösser und ausdrucksstärker erscheinen.
Und was ist, wenn man keine Wimpern hat?
Es gibt verschiedene Gründe, warum Menschen Wimpern verlieren.
So führt eine Chemotherapie bei Krebs häufig zu Haarausfall – einschliesslich der Wimpern. Auch Alopecia, eine Autoimmunerkrankung, bei der der Körper die eigenen Haarfollikel angreift, kann Wimpernverlust auslösen.
Manche Menschen ziehen sich ausserdem in Angst- oder Stressphasen Wimpern aus.
Wenn dieses Verhalten nicht kontrollierbar ist, der Wimpernverlust deutlich sichtbar wird und den Alltag beeinträchtigt, kann eine sogenannte Trichotillomanie vorliegen.
Der Zwang, Haare zu schneiden oder zu rasieren (statt sie auszureissen), wird als Trichotemnomanie bezeichnet.
Wenn Sie sich Sorgen machen, sollten Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt sprechen, um Unterstützung zu bekommen.
Unabhängig davon, wie Haare verloren gehen: Ohne Wimpern ist mit mehr Beschwerden zu rechnen. Es können leichter Fremdpartikel ins Auge gelangen – das erhöht auch das Infektionsrisiko – und man blinzelt häufiger, um sie wieder auszuspülen.
Mehr Luft an der Augenoberfläche kann ausserdem Trockenheit und Reizungen verstärken.
Ist das Entfernen von Wimpern riskant?
Scharfe Klingen in Augennähe bedeuten: Wenn Sie angerempelt werden, abrutschen oder auch nur blinzeln, können Sie das Augenlid oder die Hornhaut verletzen (die klare, kuppelförmige Schicht an der Vorderseite des Augapfels).
Alles, was an das Auge kommt, sollte sehr sauber sein. Sind Klingen nicht steril, können Bakterien zu Blepharitis (Lidrandentzündung) oder zu einer Bindehautentzündung („rotes Auge“) führen.
Wachsen rasierte Wimpern wieder nach?
Ja. Werden Wimpern gekürzt oder abrasiert, bleiben Haarzwiebel und Haarfollikel (die Hülle um das Haar) in der Lidhaut erhalten – dadurch kann das Haar weiterwachsen.
Wimpern wachsen durchschnittlich 0,12 mm pro Tag beziehungsweise 3,6 mm pro Monat. Es kann bis zu drei oder vier Monate dauern, bis sie ihre typische Länge wieder erreicht haben.
Rasieren verändert weder die Länge noch die Dicke oder Dunkelheit der nachwachsenden Wimpern: Sie wachsen wieder so nach wie zuvor (ausser wenn der Follikel selbst irreversibel geschädigt wurde).
Geschlecht, Gender und Wimpern
Vorstellungen über Unterschiede zwischen Geschlecht und Gender bei Wimpern halten sich hartnäckig – unter anderem, weil soziale Normen und mediale Darstellungen sie immer wieder verstärken.
So hat eine Studie aus den USA aus dem Jahr 2023 insgesamt 319 Personen (142 Männer und 177 Frauen) mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen zur Wimpernlänge bei Frauen befragt. Männer und Frauen aller Hintergründe bewerteten Bilder weiblicher Gesichter ohne oder mit kurzen Wimpern als am wenigsten attraktiv – unabhängig von der Ethnie.
Auch Zeichentrickfiguren zeigen, wie tief diese Unterschiede verankert und wie stark sie sozial konstruiert sind. Vergleichen Sie Minnie Maus’ lange, dichte Wimpern mit Micky Maus, der keine hat.
Das ist keineswegs nur ein Relikt der Vergangenheit: Auch in einer aktuell populären Kinderserie wie Miraculous: Geschichten von Ladybug und Cat Noir lässt sich dieser Unterschied zwischen männlich und weiblich präsentierten Figuren weiterhin erkennen.
Tatsächlich sind Körper und Merkmale – einschliesslich der Wimpern – von Natur aus vielfältig.
Körperautonomie bedeutet, anzuerkennen, dass persönliche Entscheidungen zur eigenen Erscheinung gültig sind und ohne Abwertung respektiert werden sollten.
Wer den eigenen Körper verändert, sollte jedoch ebenso die gesundheitlichen Risiken kennen.
Amanda Meyer, Senior Lecturer für Anatomie und Pathologie, James-Cook-Universität, und Monika Zimanyi, Associate Professor für Anatomie, James-Cook-Universität
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz aus The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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