Ein verschreibungspflichtiges Arzneimittel, das in den USA seit 1992 erhältlich ist und vielen durch die Behandlung von Haarausfall sowie einer vergrösserten Prostata bekannt ist, scheint noch einen weiteren wichtigen gesundheitlichen Nutzen zu haben.
Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass ein Wirkstoff namens Finasterid den Cholesterinspiegel senken und damit das Risiko für Herzkrankheiten verringern könnte. Für ein Medikament, das seit Jahrzehnten eingesetzt wird, ist das eine unerwartete Wendung.
Auf diese mögliche Verbindung stiess Dr. Jaume Amengual, Assistenzprofessor am Department of Food Science and Human Nutrition der University of Illinois, aus wissenschaftlicher Neugier. Nachdem ihm in einer landesweiten Erhebung ein auffälliges Muster begegnet war, ging er der Sache weiter nach.
„Als wir uns die Männer in der Umfrage angesehen haben, die Finasterid einnahmen, lagen ihre Cholesterinwerte im Schnitt 30 Punkte niedriger als bei Männern, die das Medikament nicht nahmen. Ich hatte eher das Gegenteil erwartet – deshalb war das sehr interessant“, sagte Dr. Amengual.
Cholesterin senken mit Finasterid?
Der erste Hinweis kam aus der National Health and Nutrition Examination Survey (NHANES) für die Jahre 2009 bis 2016.
Diese Erhebung sammelt Gesundheitsdaten von Tausenden US-Amerikanerinnen und US-Amerikanern. In diesen Datensätzen wiesen Männer, die Finasterid gegen Haarausfall nutzten, deutlich niedrigere Cholesterinwerte auf als Männer ohne dieses Medikament.
Eine Differenz von 30 Punkten ist beachtlich – entsprechend weckte sie das Interesse des Forschungsteams. Gleichzeitig haben Beobachtungsstudien klare Grenzen: Unter anderem war die Zahl der Finasterid-Nutzer über 50 in der Auswertung gering.
„Das war keine klinische Studie, in der man alles perfekt kontrollieren kann“, betonte Amengual. „Es war eher eine Beobachtung, die uns dazu gebracht hat zu sagen: ‚Okay, jetzt haben wir das bei Menschen gesehen. Schauen wir, was bei Mäusen passiert.‘“
Von der Beobachtung zum Experiment
Um die Zusammenhänge genauer zu prüfen, wechselte das Team ins Labor und arbeitete mit Mäusen. Der Doktorand Donald Molina Chaves führte Versuche mit Tieren durch, die zu Atherosklerose neigen – also zu einer Erkrankung, bei der sich Arterien durch Plaqueablagerungen verengen.
Die Mäuse erhielten unterschiedliche Finasterid-Dosierungen und wurden parallel mit einer fettreichen, cholesterinreichen Ernährung gefüttert.
„Bei Mäusen, die eine hohe Finasterid-Dosis erhalten hatten, waren die Cholesterinwerte sowohl im Plasma als auch in den Arterien niedriger“, sagte Molina Chaves. „Ausserdem fanden wir weniger Lipide und weniger Entzündungsmarker in der Leber.“
Damit sprechen die Ergebnisse dafür, dass Finasterid nicht nur die Cholesterinwerte im Blut beeinflussen könnte, sondern möglicherweise auch Entzündungsprozesse und Plaquebildung in den Arterien abschwächt.
Allerdings war es vor allem die höchste Dosis, die deutlich wirkte – und diese Menge wäre für Menschen kein realistischer Wert.
„Das ist ein unglaublich hoher Medikamentenspiegel. Aber wir nutzen Mäuse als Modell, und sie sind extrem widerstandsfähig gegen Dinge, die jeden von uns töten würden“, erklärte Amengual. „Wenn man es so betrachtet, ist es gar nicht so abwegig.“
Die Mausdaten liefern damit vor allem eine Richtung, in die sich zukünftige Studien am Menschen entwickeln könnten.
Finasterid, Testosteron und Herzkrankheiten
Warum sollte ausgerechnet ein Mittel gegen Haarausfall den Cholesterinstoffwechsel beeinflussen? Ein möglicher Schlüssel liegt in der Hormonregulation.
Finasterid blockiert ein Protein, das Testosteron aktiviert, und senkt dadurch insbesondere den Spiegel von Dihydrotestosteron (DHT). DHT steht in Zusammenhang mit Haarausfall und einer vergrösserten Prostata – und möglicherweise, wie sich nun andeutet, auch mit Herzkrankheiten.
„Ich habe eines Tages über dieses Medikament gelesen und dabei bemerkt, dass es nicht viele Langzeitstudien zu den Auswirkungen des Wirkstoffs gibt“, sagte Amengual.
„Am Anfang war es einfach meine eigene Neugier, weil bekannt ist, dass Hormonspiegel Atherosklerose, Haarausfall und Prostata-Probleme beeinflussen. Also haben wir beschlossen, tiefer einzusteigen.“
Testosteron und seine Abbau- bzw. Umwandlungsprodukte können die Entstehung von Atherosklerose mitprägen. Wenn Finasterid diese Hormonachsen verändert, könnte das indirekt den Cholesterinumsatz und Entzündungsreaktionen beeinflussen – und so die Herzgesundheit verbessern.
Weitere Überraschungen rund um Finasterid
Bemerkenswert ist, dass diese Ergebnisse potenziell nicht nur für Männer mit Haarausfall oder Prostata-Beschwerden relevant sein könnten.
Transgeschlechtliche Personen, die eine Hormontherapie erhalten, tragen aufgrund hormoneller Veränderungen häufig ein erhöhtes Risiko für Herzkrankheiten.
Finasterid wird im Rahmen von geschlechtsangleichenden Behandlungen teils verordnet, um hormonell ausgelösten Haarausfall zu behandeln.
„In den letzten zehn Jahren haben Ärztinnen und Ärzte begonnen, dieses Medikament Menschen zu verschreiben, die entweder von männlich zu weiblich oder von weiblich zu männlich transitionieren. In beiden Fällen können die hormonellen Veränderungen Haarausfall auslösen“, sagte Amengual.
„Das Interessante ist, dass transgeschlechtliche Menschen auch ein höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben. Dieses Medikament könnte also einen potenziell positiven Effekt haben, um Herz-Kreislauf-Erkrankungen nicht nur bei Cis-Männern, sondern auch bei transgeschlechtlichen Personen zu verhindern.“
Damit ergibt sich die Möglichkeit eines doppelten Nutzens für transgeschlechtliche Patientinnen und Patienten: Unterstützung beim Thema Haarausfall und zugleich eventuell eine Reduktion des Herzkrankheiten-Risikos.
Wo liegt der Haken? Finasterid-Risiken verstehen
Natürlich ist kein Medikament frei von Risiken – auch Finasterid nicht. Mögliche Nebenwirkungen müssen bei jeder Entscheidung berücksichtigt werden.
Ein Teil der Anwender berichtet über sexuelle Nebenwirkungen wie geringere Libido, Erektionsstörungen und ein vermindertes Ejakulatvolumen. Diese Effekte lassen sich dadurch erklären, dass Finasterid DHT reduziert, das eine Rolle für die sexuelle Funktion spielt.
Zudem gibt es Berichte über psychische Auswirkungen wie Depressionen, Angstzustände und Stimmungsschwankungen. Zwar ist nicht jede Person betroffen, dennoch ist eine aufmerksame Beobachtung wichtig.
Zu den körperlichen Nebenwirkungen zählen unter anderem Brustspannen oder Brustvergrösserung, Hautausschläge sowie Schwellungen an Händen oder Füssen. In seltenen Fällen kann Finasterid Leberwerte beeinflussen; daher werden regelmässige ärztliche Kontrollen empfohlen.
Ein kleiner Anteil der Nutzerinnen und Nutzer berichtet ausserdem über anhaltende Beschwerden, die auch nach dem Absetzen des Medikaments fortbestehen. Dieser Zustand wird als Post-Finasteride-Syndrom (PFS) bezeichnet.
Zu den Symptomen können weiterhin bestehende sexuelle Funktionsstörungen sowie psychische Probleme gehören. Die Forschung arbeitet noch daran, diese Punkte besser zu verstehen und geeignete Ansätze zu finden.
Welche Zukunft Finasterid haben könnte
Die Beobachtungen und Tierdaten legen nahe, dass Finasterid über seine bisherigen Einsatzgebiete hinaus für die Herzgesundheit relevant sein könnte. Dennoch braucht es deutlich mehr Evidenz.
Klinische Studien mit Menschen müssten zeigen, ob die in Mäusen beobachtete Cholesterinsenkung auch beim Menschen auftritt – und zwar bei Dosierungen, die in der Praxis tatsächlich eingesetzt werden.
„Das war keine klinische Studie, in der man alles perfekt kontrollieren kann“, hob Amengual nochmals hervor. „Es war eher eine Beobachtung, die uns dazu gebracht hat zu sagen: ‚Okay, jetzt haben wir das bei Menschen gesehen. Schauen wir, was bei Mäusen passiert.‘“
Sollten künftige Studien den Nutzen bestätigen, könnte Finasterid zu einem Baustein in Strategien zur Vorbeugung von Herzkrankheiten werden – insbesondere für Gruppen mit erhöhtem Risiko.
Mit offenen Augen vorgehen
Finasterid wird seit langer Zeit eingesetzt und hilft vielen Menschen bei Haarausfall und Prostata-Beschwerden. Nun könnte sich zusätzlich ein Beitrag zur Herzgesundheit abzeichnen.
Das wäre nicht nur für Männer relevant, sondern auch für die transgeschlechtliche Community und weitere Personen mit erhöhtem Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Wie bei jeder Behandlung gilt jedoch: Änderungen sollten nur in Rücksprache mit medizinischem Fachpersonal erfolgen. Potenzielle Vorteile müssen stets gegen mögliche Risiken abgewogen werden. Gleichzeitig eröffnet diese Forschung neue, vielversprechende Perspektiven.
Die vollständige Studie wurde in der Fachzeitschrift Zeitschrift für Lipidforschung veröffentlicht.
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