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Internationale Übersichtsarbeit: Was die Evidenz zur Sportsucht wirklich zeigt

Junger Mann sitzt im Fitnessstudio und schnürt Sportschuhe vor Laufband-Training.

Ein Training kann irgendwann seinen spielerischen Reiz verlieren. Bei manchen Menschen wird daraus etwas, das sie trotz aller Folgen scheinbar tun müssen.

Dieser Wandel ist selten – aber er kommt vor. Eine neue internationale Übersichtsarbeit geht der Frage nach, was die Forschungslage tatsächlich zur Sportsucht hergibt.

Dafür bündelte das Team Erkenntnisse aus mehreren Jahrzehnten. Die zentrale Aussage fällt eindeutig aus: Sportsucht wird in der Praxis deutlich häufiger übertrieben dargestellt als übersehen.

Geleitet wurde die Arbeit von Dr. Bhavya Chhabra an der ELTE Eötvös Loránd University (ELTE) in Budapest.

Wenn Training schädlich wird

Mit Sportsucht ist gemeint, dass jemand die Kontrolle über das Training verliert. Es wird weitertrainiert – trotz Schmerzen, trotz Verletzungen und trotz Erschöpfung.

In diesem Stadium ist Bewegung nicht mehr etwas, das man gerne macht, sondern etwas, das sich wie eine innere Forderung anfühlt.

„Der entscheidende Unterschied ist, ob Sport eine Entscheidung ist oder ob jemand das Gefühl hat, dazu gezwungen zu sein“, erklärte Studienmitautor Professor Zsolt Demetrovics von der Flinders University.

Ein Verhalten mit langer Vorgeschichte

Das Konzept ist nicht neu, sondern reicht mehr als 50 Jahre zurück. Eine Schlafstudie aus dem Jahr 1970 berichtete, dass Menschen, die regelmässig trainierten, ängstlich und unruhig wurden, sobald sie ihr Training unterbrachen.

Später bezeichnete ein Psychiater das Laufen als eine „positive Sucht“. Andere widersprachen und warnten, dieselbe Anziehung könne Menschen dazu bringen, sogar mit schweren Verletzungen weiter zu trainieren.

Heute fassen Forschende die eigentliche Störung in einer kurzen Formel: Abhängigkeit plus Zwanghaftigkeit – ergänzt um sechs bekannte Merkmale wie Toleranzentwicklung, Entzugserscheinungen und Rückfall.

Zudem unterscheiden sie zwei Ausprägungen. Bei der einen ist Sport selbst das Kernproblem. Bei der anderen dient exzessives Training einem anderen Zweck, etwa der Gewichtsabnahme.

Die Zahlen schwanken stark

Bei den Häufigkeitsangaben geht es drunter und drüber. Einige Veröffentlichungen beziffern den Anteil „gefährdeter“ Personen in bestimmten Gruppen auffallend hoch.

„Häufig zitierte Zahlen legen nahe, dass bis zu 42% mancher sporttreibender Bevölkerungsgruppen als gefährdet gelten, als sportsüchtig eingestuft zu werden“, sagte Professor Demetrovics.

Übergreifendere Datensätze zeichnen ein deutlich nüchterneres Bild. In einer Befragung von 3,760 Sporttreibenden aus 15 Ländern lagen etwa 9.5% im Risikobereich.

Eine echte Sucht scheint dennoch selten zu sein. Selbst eine Quote in der Nähe von 0.5% würde allerdings bedeuten, dass viele Betroffene Unterstützung benötigen.

Wer besonders gefährdet ist

Das Risiko ist ungleich verteilt. Ausdauerathletinnen und -athleten weisen die höchsten Raten auf – nahe 14 percent. Dieser Wert liegt klar über dem von Mannschaftssportlerinnen und -sportlern, regelmässigen Fitnessstudio-Besucherinnen und -Besuchern sowie Kraftsportlerinnen und -sportlern.

Auch kulturelle Unterschiede verändern das Bild. Eine Studie fand, dass 21.86% der Sporttreibenden in Indien im Screening als gefährdet eingestuft wurden, gegenüber 5.38% in Ungarn – ein Unterschied um mehr als das Vierfache.

Beim Geschlecht bleiben die Ergebnisse widersprüchlich. Einige Arbeiten berichten höhere Werte bei Männern; andere finden praktisch keinen Unterschied.

Ebenso spielt die Struktur der Sportart eine Rolle. Aus fest eingeplanten Teamtrainings entsteht Sucht selten; eher taucht sie in dem zusätzlichen, selbst organisierten Mehrtraining auf, das Einzelathletinnen und -athleten oben draufpacken.

Warum die Zahlen in die Irre führen

Ein wesentlicher Grund für überhöhte Schätzungen liegt in der Messung. Es gibt mehr als 30 Fragebögen – ohne einen allgemein akzeptierten Standard.

„Während Screening-Instrumente auf ein mögliches Risiko hinweisen können, können sie keine Sportsucht diagnostizieren – dadurch verschwimmt oft die Grenze zwischen tatsächlichem Schaden und gesunder Verpflichtung“, sagte Professor Attila Szabo von der Széchenyi István University in Ungarn.

Ein hoher Fragebogenwert ist also keine Diagnose. Häufig spiegelt er vielmehr Leidenschaft, Disziplin oder ausgeprägtes Engagement wider.

„In der Folge können hoch motivierte Athletinnen und Athleten sowie regelmässig Trainierende falsch eingeordnet werden – dabei ist es wichtig, zu unterscheiden, dass Fitness-Disziplin nicht dasselbe ist wie Sucht“, ergänzte Professor Szabo.

Was das Verhalten antreibt

Die eigentlichen Auslöser liegen meist unter der Oberfläche des Trainingsplans. Oft wird Bewegung eher zur Flucht vor Stress als zu einer Quelle von Freude.

„Die zugrunde liegenden Treiber sind oft komplexer als die Workouts selbst: Soziale Erwartungen rund um Körperbild und Leistung sowie psychische Belastungen wie Angst und Depression spielen eine erhebliche Rolle“, sagte Professor Demetrovics.

„In vielen Fällen ist exzessiver Sport mit tieferliegenden Problemen wie Essstörungen oder anderen zwanghaften Verhaltensweisen verbunden.“

Sportsucht tritt etwa 3.5-mal häufiger bei Menschen mit einer Essstörung auf – dann wird hartes Training zum Mittel, um Gewicht zu kontrollieren oder eine gedrückte Stimmung zu stabilisieren.

Warnsignale, auf die man achten sollte

Einige typische Muster zeigen, wann die Grenze kippt – die Übersichtsarbeit nennt sie ausdrücklich.

„Trotz Schmerzen oder Verletzungen zu trainieren, sich ängstlich oder schuldig zu fühlen, wenn Einheiten ausfallen, oder Training konsequent über Erholung, Beziehungen oder Verpflichtungen zu stellen, sind Signale dafür, dass Sport sich von etwas Angenehmem zu etwas Zwanghaftem verändern könnte“, sagte Professor Szabo.

Diese Anzeichen können jedoch auch mit normaler Zielstrebigkeit zusammenfallen. Genau diese Überlappung ist ein Grund, weshalb in der Forschung häufig zu viele Fälle gezählt werden.

„Das hat zu aufgeblähten Schätzungen und einer Tendenz geführt, normales, gesundes Training zu pathologisieren“, sagte Professor Demetrovics.

Wie Erholung funktionieren kann

Eine Therapie, die speziell für Sportsucht entwickelt wurde, gibt es nicht. Da sie medizinisch nicht als eigenständige Diagnose anerkannt ist, wurde auch kein Medikament gezielt dagegen geprüft.

An erster Stelle steht deshalb Psychotherapie. Die bisher stärkste Evidenz liegt für die kognitive Verhaltenstherapie vor, die problematische Denk- und Verhaltensmuster neu einübt.

Auch andere Ansätze wirken vielversprechend. Achtsamkeit sowie der Austausch einzelner Trainingseinheiten gegen andere Formen von Belohnung – vom Ehrenamt bis zu ruhigen Hobbys – könnten den inneren Druck mit der Zeit reduzieren.

Ziel ist dabei nicht, Bewegung komplett einzustellen. Es geht darum, zu einem massvollen, angenehmen Aktivitätsniveau zurückzufinden.

Ein klügerer Weg nach vorn

Sportsucht ist keine formale Diagnose. Sie steht nicht in den zentralen Diagnosemanualen, die Ärztinnen und Ärzte verwenden – auch wenn die Übersichtsarbeit mehr Aufmerksamkeit und belastbarere Langzeitdaten einfordert.

„Unsere Botschaft ist nicht, weniger zu trainieren – sondern klüger zu trainieren: Erholungs- und Regenerationstage einplanen, das allgemeine Wohlbefinden statt Aussehen oder Leistung in den Mittelpunkt stellen und früh Unterstützung suchen, wenn Sport sich eher wie eine Pflicht als wie eine Wahl anfühlt“, sagte Professor Szabo.

„In einer Kultur, die härteres Durchziehen feiert, ist mehr nicht immer besser – gesund zu bleiben bedeutet, sowohl zu wissen, wann man zurücknimmt, als auch, wann man nach vorn geht.“

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