Die Forschung zum Darmmikrobiom hat in der Ernährungswissenschaft eine regelrechte „Revolution“ ausgelöst. In den vergangenen Jahren gelten Ballaststoffe dabei zunehmend als „neues Protein“ – sie werden Lebensmitteln in grossen Mengen zugesetzt, um den Darm zu „füttern“ und die Gesundheit zu verbessern.
Eine neue Studie an Mäusen deutet jedoch darauf hin, dass nicht jedes Ballaststoffsupplement gleich hilfreich ist.
Darmmikrobiom und Ballaststoffe: Warum nicht jede Faser gleich wirkt
Ballaststoffe sind die wichtigste Energiequelle für viele Bakterien, die in unserem Darm leben. Dennoch erreichen in den USA weniger als 5 Prozent der Menschen die empfohlene Tagesmenge von 25–30 Gramm (0,9–1 Unze) Ballaststoffen.
Um diese Lücke zu schliessen, werden Ballaststoffpräparate und Produkte mit sogenannter „unsichtbarer Faser“ immer beliebter. Gleichzeitig ist die Welt der Ballaststoffe extrem vielfältig – und damit stellt sich die praktische Frage: Welche Faser ist die richtige?
Ein Teil der Fasern, etwa Hafer-Beta-Glucane oder Weizendextrin, ist wasserlöslich und kann von Darmbakterien leicht fermentiert werden. Andere, wie Cellulose und resistente Stärke, sind schlechter löslich oder unlöslich und binden sich eher an anderes Material, um den Stuhl zu bilden.
Studie der University of Arizona und der Universität Wien: Beta-Glucan im Vergleich
Forschende der University of Arizona (UA) und der Universität Wien berichten, dass in ihren Tests nur ein Ballaststoffsupplement die Fettmasse und das Körpergewicht von Mäusen innerhalb von 18 Wochen senken konnte: Beta-Glucan, das häufig in Hafer und Gerste vorkommt. Gleichzeitig kann diese Faserform bei Mäusen unter fettreicher Ernährung den Blutzucker regulieren und beim Gewichtsverlust unterstützen.
Andere untersuchte Fasern – darunter Weizendextrin, Pektin, resistente Stärke und Cellulose – zeigten diesen Effekt nicht. Das galt selbst dann, obwohl sie die Zusammensetzung des Mikrobioms im Vergleich zu Mäusen ohne Ballaststoffsupplement deutlich veränderten.
„Wir wissen, dass Ballaststoffe wichtig und vorteilhaft sind; das Problem ist, dass es so viele unterschiedliche Arten von Ballaststoffen gibt“, erklärte der biomedizinische Wissenschaftler Frank Duca von der UA im Juli.
„Wir wollten wissen, welche Art von Ballaststoffen für Gewichtsverlust und Verbesserungen der Glukosehomöostase am vorteilhaftesten wäre, damit wir die Gemeinschaft und die Verbraucher informieren können – und dann auch die Agrarindustrie.“
Wie die biomedizinische Wissenschaftlerin Elizabeth Howard (UA) und ihre Kolleginnen und Kollegen schreiben, gebe es bislang „keine Studie, die die Rolle verschiedener Ballaststoffe in einer Kohorte untersucht hat“.
Um diese Lücke zu schliessen, prüfte die aktuelle Arbeit mehrere Faserformen in einer Mäusekohorte. Dabei zeigte sich: Nur Beta-Glucan erhöhte die Menge von Ileibacterium im Darm der Mäuse – ein Bakterium, das in anderen Mausstudien bereits mit Gewichtsverlust in Verbindung gebracht wurde.
Tatsächlich war der Effekt auf das Gewicht früh erkennbar: Schon deutlich vor der 10-Wochen-Marke wiesen Mäuse mit Beta-Glucan-Fütterung im Vergleich zu Tieren, die andere Ballaststoffarten erhielten, ein geringeres Körpergewicht und weniger Körperfett auf.
Möglicher Mechanismus: Butyrat, GLP-1 und Ozempic
Die Ergebnisse passen zu einer weiteren aktuellen Studie von Duca, in der Nagetiere Gerstenmehl bekamen, das reich an Beta-Glucan ist. Obwohl die Ratten weiterhin genauso viel von ihrer fettreichen Kost frassen wie zuvor, stieg ihr Energieverbrauch – und sie nahmen trotzdem ab.
Ein ähnliches Muster wurde nun auch bei den Mäusen beobachtet, die Beta-Glucan erhielten. Bei diesen Tieren fanden die Forschenden zudem höhere Konzentrationen von Butyrat im Darm, einem Stoffwechselprodukt, das entsteht, wenn Mikroben Ballaststoffe abbauen.
Butyrat fördert die Ausschüttung von Glucagon-like Peptide-1 (GLP-1) – einem natürlichen Protein, das synthetische Medikamente wie Ozempic nachahmen, um die Insulinausschüttung anzuregen.
„Ein Teil des Nutzens des Verzehrs von Ballaststoffen entsteht durch die Freisetzung von GLP-1 und anderen Darmpeptiden, die Appetit und Körpergewicht regulieren“, sagte Duca.
„Allerdings glauben wir nicht, dass das die gesamte Wirkung erklärt. Wir denken, dass Butyrat noch andere vorteilhafte Effekte haben könnte, die nicht mit Darmpeptiden zusammenhängen – etwa die Verbesserung der Darmbarriere und Effekte auf periphere Organe wie die Leber.“
Bevor sich diese Resultate auf Menschen übertragen lassen, ist deutlich mehr Forschung nötig. Dennoch legen die Daten nahe, dass bestimmte Ballaststoffe für Gewichtsabnahme und Insulinkontrolle besser geeignet sein könnten als andere.
Die Studie wurde im Journal of Nutrition veröffentlicht.
Eine frühere Version dieses Artikels wurde im Juli 2024 veröffentlicht.
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