Über Jahrzehnte galt für viele als ausgemacht, dass die Lebenserwartung vor allem in unserer DNA festgeschrieben ist. Wurden die Eltern 90 Jahre alt oder älter, erwartete man oft, selbst ähnlich alt zu werden. Blieben sie deutlich darunter, konnte es sich anfühlen, als stünde das eigene Schicksal bereits fest.
Eine grosse neue Untersuchung der Huazhong-Universität für Wissenschaft und Technologie (HUST) legt jedoch nahe, dass das Bild komplexer ist. Was wir Tag für Tag essen, kann offenbar spürbar Lebenszeit hinzufügen – unabhängig davon, was die Gene vermuten lassen.
Dafür begleiteten Forschende mehr als 100,000 Erwachsene aus der UK-Biobank über rund 11 Jahre. In diesem Zeitraum starben über 4,000 Teilnehmende.
Gesunde Ernährung senkt das Sterberisiko
Das Team wertete aus, wie konsequent die Teilnehmenden fünf bekannte Muster gesunder Ernährung einhielten. Dazu zählten unter anderem mediterrane Ernährungsweisen, pflanzenbetonte Kost, die DASH-Diät zur Blutdruckkontrolle sowie eine Ernährungsform, die das Diabetesrisiko senken soll.
Dabei zeigte sich: Wer bei der Ernährungsqualität am besten abschnitt, lebte länger. Im Vergleich zu Personen mit der schlechtesten Ernährung hatten Menschen mit den gesündesten Ernährungsgewohnheiten während der Studienzeit ein um etwa 18 bis 24 Prozent geringeres Risiko zu sterben.
Solche Prozentwerte wirken schnell abstrakt. Deshalb stellten die Forschenden eine alltagsnähere Frage: Wie viele zusätzliche Lebensjahre könnten damit im Mittel verbunden sein?
Gesunde Ernährung bringt zusätzliche Lebensjahre
Die Auswertung begann bei Personen ab 45 Jahren. Dafür wurden die Gruppe mit den besten Ernährungswerten und die Gruppe mit den schwächsten Ernährungswerten gegenübergestellt, und es wurde abgeschätzt, wie lange beide Gruppen voraussichtlich leben.
Männer, die sich nach den gesündesten Mustern ernährten, sollten demnach im Schnitt etwa 2 bis 3 Jahre länger leben als Männer mit schlechten Ernährungswerten.
Bei Frauen ergab sich für die höchste Ernährungsqualität ein erwarteter Zuwachs von etwa 1.5 bis 2.3 Jahren gegenüber Frauen mit der niedrigsten Ernährungsqualität.
Das bedeutet nicht, dass jede einzelne Person automatisch genau diese zusätzliche Zeit gewinnt. Es beschreibt vielmehr einen Durchschnittseffekt: Über eine grosse Bevölkerungsgruppe hinweg war bessere Ernährung mit einer höheren Lebenserwartung verknüpft.
Von den fünf untersuchten Ernährungsformen lieferte bei Männern ausgerechnet das Muster zur Senkung des Diabetesrisikos den stärksten Zugewinn an Lebenszeit. Im Mittelpunkt stehen dabei ballaststoffreiche Lebensmittel, „gute“ Fette und ein niedriger Zuckerkonsum, um die Blutzuckerkontrolle zu verbessern.
Mediterrane Ernährung hilft Frauen besonders
Bei Frauen zeigte dagegen die mediterrane Ernährungsweise den grössten Nutzen. Typisch dafür sind reichlich Obst und Gemüse, Vollkornprodukte, Olivenöl, Nüsse sowie moderate Mengen Fisch.
Die Vorteile einer gesunden Ernährung liessen sich zudem nicht auf eine einzige Erkrankung reduzieren. Personen mit höheren Ernährungswerten hatten niedrigere Sterberaten durch mehrere zentrale Ursachen.
Dazu gehörten Krebs, Atemwegserkrankungen wie chronische Lungenerkrankungen sowie weitere schwerwiegende gesundheitliche Probleme.
Einfach gesagt: Gesunde Ernährung wirkte nicht nur auf ein einzelnes Organsystem. Sie unterstützte die Gesundheit insgesamt und war mit einem geringeren Risiko verbunden, an sehr unterschiedlichen Krankheiten zu sterben.
Und die Gene?
Zusätzlich berechneten die Forschenden einen genetischen Score aus 19 Varianten, die mit der Lebenserwartung in Verbindung stehen. Wie zu erwarten, hatten Menschen mit höheren genetischen Werten ein niedrigeres Sterberisiko – ihre Gene verschafften ihnen einen Vorteil.
Trotzdem zeigte sich ein Ernährungseffekt auf jeder genetischen Stufe. Selbst Personen mit einer geringeren genetischen Wahrscheinlichkeit für ein langes Leben profitierten davon, sich gut zu ernähren.
Bei den meisten der untersuchten Ernährungsformen blieb der Nutzen gesunder Ernährung stabil – unabhängig davon, ob jemand „starke“ Langlebigkeitsgene hatte oder nicht.
Gemeinsame Merkmale gesunder Ernährungsweisen
Gesunde Ernährungsformen setzen typischerweise auf Gemüse, Obst, Vollkorn, Bohnen, Nüsse und gesunde Fette. Gleichzeitig begrenzen sie zuckerhaltige Getränke und stark raffinierte Lebensmittel.
In dieser Studie waren ballaststoffreiche Lebensmittel besonders deutlich mit einem längeren Leben verbunden, während zuckergesüsste Getränke mit einer kürzeren Lebenszeit in Zusammenhang standen.
Gutes Essen unterstützt stabile Blutzuckerwerte, dämpft Entzündungsprozesse und schützt Herz sowie Lunge. Über Jahre hinweg summieren sich solche kleinen Entscheidungen.
Ein weiterer Punkt ist die Anpassungsfähigkeit: Die fünf Ernährungsweisen aus der Untersuchung sind nicht identisch. Sie stammen aus unterschiedlichen Traditionen und verfolgen teils verschiedene Gesundheitsziele. Dennoch waren alle mit einer längeren Lebenserwartung verknüpft. Das spricht dafür, dass es mehr als einen praktikablen Weg gibt, sich gesund zu ernähren.
Tägliches Essen prägt die Lebenserwartung
Um davon zu profitieren, muss man keine perfekte oder extrem strenge Ernährungsform einhalten. Schon wenn man die eigene Ernährung schrittweise verbessert und häufiger zu nährstoffreicheren Lebensmitteln greift, kann das auf lange Sicht einen spürbaren Unterschied machen.
Die Kernaussage ist simpel, aber stark: Gene beeinflussen Gesundheit und Lebenserwartung – sie sind jedoch nur ein Teil der Geschichte.
Was man über Jahre hinweg immer wieder auf den Teller legt, kann deutlich mitbestimmen, wie lange und wie gut man lebt.
Die DNA ist von Geburt an festgelegt und lässt sich nicht verändern. Was sich aber steuern lässt, ist die nächste Mahlzeit, die man sich auswählt.
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