Am 4. Juni 2021 kam die Abnehmspritze Wegovy erstmals auf den Markt. Damit wurde in den USA seit 2014 zum ersten Mal wieder ein neues Arzneimittel zur Gewichtsreduktion von der Zulassungsbehörde (FDA) freigegeben.
Seitdem ist die Begeisterung gross. Das liegt nicht nur an der hohen Wirksamkeit (im Durchschnitt verlieren Menschen innerhalb eines Jahres rund 15 Prozent ihres Körpergewichts), sondern auch daran, dass sich Hinweise auf zusätzliche Vorteile über die reine Gewichtsabnahme hinaus mehren.
Wichtig ist ausserdem: Der Wirkstoff (Generikum: Semaglutid) wurde zunächst zur Behandlung von Diabetes eingesetzt – und ist in diesem Bereich nach wie vor ein umsatzstarkes Medikament. Damit wären bereits zwei Nutzenpunkte genannt. Im Folgenden geht es um weitere mögliche Effekte; acht davon sind hier aufgeführt (die Liste ist nicht vollständig).
1. Kniearthrose
Knorpel im Knie ist nicht dafür ausgelegt, dauerhaft sehr hohe Belastungen zu tragen. Wer übergewichtig oder adipös ist, hat durch die zusätzliche mechanische Last ein höheres Risiko für Arthrose, weil die Kniegelenke stärker beansprucht werden – und bei vielen endet das später in einer Knie-Totalendoprothese.
Eine aktuelle Studie, erschienen im New-England-Journal für Medizin, beobachtete 407 adipöse Personen mit Kniearthrose über 68 Wochen. Ein Teil erhielt Semaglutid, ein anderer Teil ein Placebo. Zusätzlich bekamen beide Gruppen Beratung zu mehr Bewegung sowie zu einer kalorienreduzierten Ernährung.
In der Semaglutid-Gruppe (im Vergleich zum Placebo) wurde ein deutlicher Schmerzrückgang berichtet: von 71 auf 42 Punkte auf einer etablierten Skala (0 bis 100; höhere Werte bedeuten mehr Schmerz). Ausserdem meldeten die Teilnehmenden eine bessere Beweglichkeit. Ein vergleichbarer Effekt zeigte sich in der Placebo-Gruppe nicht.
Als Ursachen kommen wahrscheinlich die rasche Gewichtsabnahme in Kombination mit den entzündungshemmenden Eigenschaften von Semaglutid infrage. Unklar bleibt jedoch, ob derselbe Nutzen auch bei Menschen mit Kniearthrose zu erwarten wäre, die nicht adipös sind.
2. Fettlebererkrankung
Weltweit ist etwa jede vierte Person von einer Fettlebererkrankung betroffen – einer chronischen Lebererkrankung, die in eine Leberzirrhose (Vernarbung) übergehen kann. In fortgeschrittenen Stadien kann sie tödlich verlaufen.
Erste Daten aus klinischen Studien liefern sehr ermutigende Ergebnisse für Semaglutid: So wurde eine deutliche Abnahme des Leberfetts um 31 Prozent beschrieben. In einer weiteren klinischen Untersuchung war die Fettleber bei einem Drittel der Patientinnen und Patienten nach nur 24 Wochen vollständig verschwunden.
Die nächste zentrale Frage lautet, ob Semaglutid auch schwerere Formen der Fettlebererkrankung zurückdrängen kann, bei denen bereits Narbenbildung begonnen hat. Mehrere Studien laufen derzeit, um genau das zu prüfen.
3. Parkinson
In Untersuchungen an Gehirnzellen (Neuronen) in der Petrischale sowie in Mausmodellen der Parkinson-Erkrankung zeigte Semaglutid günstige Effekte auf mehrere „pathologische Kennzeichen“ dieser neurologischen Krankheit.
Es gibt sogar erste Hinweise darauf, dass Semaglutid bei Menschen das Fortschreiten von Parkinson verlangsamen könnte. Eine französische Studie, die Anfang dieses Jahres veröffentlicht wurde und ein ähnliches Medikament (einen GLP-1-Rezeptor-Agonisten) einsetzte, berichtete: Bei Personen im Frühstadium, die die Behandlung erhielten, verschlechterten sich die motorischen Fähigkeiten im Vergleich zur Placebo-Gruppe nahezu gar nicht.
Ob Semaglutid beim Menschen einen vergleichbaren Effekt hat, müssen die Ergebnisse laufender Studien zeigen.
4. Alzheimer
Semaglutid könnte bei Alzheimer einen gewissen Schutz bieten. Denn viele Betroffene haben zusätzlich Diabetes, was darauf hindeutet, dass erhöhte Glukosewerte eine Rolle spielen.
In Mausstudien und in Organoid-Modellen von Alzheimer beim Menschen wurde gezeigt, dass Semaglutid Ablagerungen von Tau und Amyloid reduziert (den zwei Proteinen, die sich im Gehirn von Menschen mit Alzheimer anreichern). Zudem ergab eine aktuelle „Metaanalyse“ von sieben klinischen Studien mit Personen mit Typ-2-Diabetes, aber nicht diagnostiziertem Alzheimer: Über drei Jahre hatten 40 Prozent-70 Prozent der Patientinnen und Patienten unter Semaglutid ein geringeres Risiko für eine Alzheimer-Diagnose.
Da es derzeit keine Heilung für Alzheimer gibt, erscheint Prävention als beste Strategie – besonders für Menschen mit erhöhtem Risiko, also für Personen mit Diabetes und Adipositas.
5. Chronische Nierenerkrankung
Chronische Nierenerkrankungen sind nicht rückgängig zu machen, daher ist es entscheidend, die auslösenden Faktoren gut zu kontrollieren. Die häufigste Ursache für Nierenversagen ist Diabetes: Hohe Glukosewerte schädigen dabei die feinen Blutgefässe in den Nieren.
Zwei aktuelle randomisierte klinische Studien, die Semaglutid über drei bis fünf Jahre untersuchten und 2024 abgeschlossen wurden, zeigten: Ein Biomarker für Nierenschädigung (Mikroalbumin) war bei Patientinnen und Patienten unter Semaglutid niedriger. Darüber hinaus war in der Semaglutid-Gruppe das Risiko für ein Nierenversagen (24 Prozent) sowie das Sterberisiko (20 Prozent) im Studienzeitraum geringer.
6. Abhängigkeitserkrankungen
Das GLP-1-System, über das Semaglutid seine Wirkung entfaltet, ist nach heutigem Wissen an der Neurobiologie von Sucht beteiligt. In Versuchen mit Mäusen, die Alkohol erhielten, verringerte Semaglutid beispielsweise Rauschtrinken bei den Tieren.
Auch erste Daten bei Menschen mit Alkoholgebrauchsstörung, die Semaglutid oder ein Placebo bekamen, deuten in eine ähnliche Richtung: In der Semaglutid-Gruppe kam es zu „stärkeren Rückgängen bei Trinkmenge und starkem Trinken“ als in der Placebo-Gruppe.
Eine neue Studie aus Schweden zeigte ausserdem, dass Menschen mit Alkoholabhängigkeit bei der Anwendung von Semaglutid deutlich seltener wegen körperlicher Erkrankungen hospitalisiert wurden.
Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass Semaglutid für Betroffene mit Abhängigkeitsproblemen eine alternative Behandlungsoption darstellen könnte.
7. Herzerkrankungen
Da blutzuckersenkende Medikamente wie Semaglutid bei Menschen mit Diabetes das kardiovaskuläre Risiko um 14 Prozent senken, wurde Semaglutid in verschiedenen herzbezogenen Krankheitsbildern untersucht.
Eine klinische Studie ergab: Patientinnen und Patienten mit bereits bestehender Herz-Kreislauf-Erkrankung, die übergewichtig oder adipös waren, aber keinen Diabetes hatten, wiesen unter Semaglutid (Einnahme bis zu vier Jahre) innerhalb eines Zeitfensters von dreieinhalb Jahren niedrigere Raten von Herzinfarkt und Schlaganfall auf.
Ausserdem zeigte eine Studie mit über 4.000 Personen, dass wöchentliches Semaglutid im Vergleich zu Placebo Herzinsuffizienz, verstopfte Arterien sowie Todesfälle durch jede Ursache deutlich reduzierte. Auf Basis dieser Resultate genehmigte die FDA Semaglutid zur Unterstützung der Vorbeugung lebensbedrohlicher kardiovaskulärer Ereignisse bei Menschen mit bestehender Herzerkrankung, die übergewichtig oder adipös sind.
8. Lungenerkrankungen
Wegen der breiteren Schutzwirkungen von Semaglutid – darunter seine entzündungshemmenden Eigenschaften – wurde der Wirkstoff auch bei unterschiedlichen Lungenerkrankungen erforscht.
In einem Mausmodell eines akuten Lungenschadens, bei dem eine unkontrollierte Entzündung mit hoher Sterblichkeit einhergeht, verringerte Semaglutid Lungenödem, Entzündung, das Eindringen weisser Blutkörperchen sowie Zelltod.
Eine grosse Auswertung von 28 klinischen Studien kam zudem zu dem Ergebnis, dass eine Behandlung mit Semaglutid mit einer um 18 Prozent geringeren Entwicklung von Atemwegserkrankungen verbunden war.
Derzeit läuft ausserdem eine klinische Studie, die untersucht, welchen Schutz Semaglutid bei Patientinnen und Patienten mit fortgeschrittener interstitieller Lungenerkrankung bieten kann. Dazu zählen sehr viele unterschiedliche Krankheitsbilder (über 200), bei denen Gewebe zwischen den kleinen Lungenbläschen (Alveolen) und den sie umgebenden Blutgefässen geschädigt wird, was Entzündungen und Vernarbungen (Fibrose) auslöst.
Vinood B. Patel, Professor für Klinische Biochemie, University of Westminster
Dieser Artikel wurde unter einer Creative-Commons-Lizenz von The Conversation erneut veröffentlicht. Lesen Sie den Originalartikel.
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