Zum Inhalt springen

Pythonblut: Studie findet Appetitzügler pTOS ohne typische GLP-1-Nebenwirkungen

Wissenschaftlerin im Labor untersucht Impfstofffläschchen, Tablet mit Wachstumskurve neben ihr auf dem Tisch.

Pythons schaffen etwas, das aus menschlicher Sicht fast unmöglich wirkt: Sie können eine riesige Mahlzeit am Stück verschlingen und danach über Monate – teils sogar noch länger – ohne weitere Nahrung auskommen. Dabei bleiben sie metabolisch erstaunlich stabil und erhalten ihre Muskelmasse.

Eine neue Studie deutet darauf hin, dass ein Teil dieses Effekts mit einem Stoff im Pythonblut zusammenhängen könnte, der den Appetit sehr stark dämpft.

Forschende an der University of Colorado Boulder (UC Boulder) haben gemeinsam mit weiteren Universitäten nach eigenen Angaben ein Molekül identifiziert, dessen Konzentration im Blut von Pythons nach dem Fressen sprunghaft ansteigt. Bei Mäusen löste dieser Stoff Gewichtsverlust aus, indem er auf das Appetitzentrum im Gehirn wirkt.

Auffällig dabei: Die Mäuse zeigten nicht die typischen Begleiterscheinungen, die viele heutige Medikamente zur Gewichtsabnahme mit sich bringen können – also weder Übelkeit noch Magen-Darm-Probleme, keine spürbaren Energieeinbrüche und auch keinen Muskelverlust.

„Das ist ein perfektes Beispiel für naturinspirierte Biologie“, sagte die leitende Autorin Leslie Leinwand, Professorin an der CU Boulder, die Pythons seit Jahrzehnten untersucht.

Extremer Stoffwechsel bei Pythons

Das Leben einer Python ist im Grunde „Schlemmen oder Hungern“ in Reinform. Manche Arten werden sehr gross, verschlingen Beute am Stück und legen danach eine lange Phase ohne jede Nahrungsaufnahme ein – ohne jene Stoffwechselschäden, die man bei vielen anderen Tieren erwarten würde.

Leinwands frühere Forschung zeigte, dass der Stoffwechsel in den Stunden nach einer Mahlzeit massiv anziehen kann. Zudem kann sich das Herz der Schlange zur Unterstützung der Verdauung um etwa 25 Prozent vergrössern.

Dieser „Verdauungs-Neustart“ ist ein Grund, warum Pythons für Forschende, die sich für Stoffwechsel, Muskelerhalt und Anpassungen von Organen interessieren, zu einem besonders spannenden Modell geworden sind.

Für die neue Studie arbeitete Leinwand mit Jonathan Long zusammen, einem Pathologieprofessor an der Stanford University. Long untersucht Metabolite – also kleine Moleküle im Blut, die abbilden, wie der Körper Energie erzeugt und nutzt.

„Wenn wir den Stoffwechsel wirklich verstehen wollen, müssen wir über Mäuse und Menschen hinausgehen und uns die grössten metabolischen Extreme ansehen, die die Natur zu bieten hat“, sagte Long.

Da sich ein Grossteil der biomedizinischen Forschung auf Nagetiere und Menschen stützt, kann ungewöhnliche, aber potenziell nützliche Chemie aus anderen Tierarten leicht übersehen werden.

Verschiebungen der Blutchemie nach der Fütterung

Das Team nahm Blutproben von Königspythons und Burma-Pythons, die nach einem festen Plan gefüttert wurden – alle 28 Tage – und entnahm Blut unmittelbar nachdem die Schlangen gefressen hatten.

Dabei identifizierten die Forschenden 208 Metabolite, deren Werte nach der Fütterung deutlich anstiegen. Ein Stoff fiel besonders stark auf: para-Tyramin-O-sulfat (pTOS). Seine Konzentration schoss um etwa das 1.000-Fache in die Höhe.

Ein solcher Anstieg lässt sich kaum wegdiskutieren. Biologisch entspricht das einem Signalfeuer, das darauf hindeutet, dass dieses Molekül in genau diesem Moment eine wichtige Rolle spielt.

Appetitwirkung im Mausmodell geprüft

Um zu testen, ob pTOS den Appetit und das Körpergewicht tatsächlich beeinflusst, verabreichten die Forschenden sowohl übergewichtigen als auch schlanken Mäusen hohe Dosen der Substanz.

Das Ergebnis war vielversprechend: Der Stoff aus dem Pythonblut wirkte auf den Hypothalamus – jene Hirnregion, die stark an der Appetitregulation beteiligt ist – und unterstützte eine Gewichtsabnahme.

Noch bemerkenswerter war, dass die Mäuse keine Probleme zeigten, die den Einsatz von Medikamenten zur Gewichtsabnahme im Alltag häufig begrenzen: keine offensichtlichen Magen-Darm-Beschwerden, kein Energieverlust und kein Muskelabbau.

Gerade der letzte Punkt ist zentral. Viele Menschen greifen zu appetithemmenden Medikamenten, weil sie wirksam sind. Manche brechen die Behandlung jedoch wegen Nebenwirkungen ab, andere verlieren mehr fettfreie Masse, als ihnen lieb ist.

„Wir haben im Grunde einen Appetitzügler entdeckt, der bei Mäusen wirkt, ohne einige der Nebenwirkungen, die GLP-1-Medikamente haben“, sagte Leinwand und verwies auf Präparate wie Ozempic und Wegovy.

Ein Molekül aus Mikroben

Eine weitere Wendung: pTOS scheint von Darmbakterien der Python gebildet zu werden. Bei Mäusen kommt der Stoff nicht natürlicherweise im Körper vor – was mit erklärt, warum er bisher übersehen wurde.

Wenn ein ganzes Forschungsökosystem auf Mäuse und Ratten zugeschnitten ist, stösst man kaum zufällig auf eine Verbindung, die nicht zu deren normaler Biologie gehört.

Die Forschenden beobachten pTOS zwar in niedrigen Konzentrationen im menschlichen Urin und halten fest, dass der Wert nach einer Mahlzeit steigt; dennoch spielte der Stoff in einer stark nagetierzentrierten Forschung bislang kaum eine Rolle.

Reptilien als Vorbild für Medikamente

Leinwand weist ausserdem darauf hin, dass auch die aktuelle Welle an GLP-1-Medikamenten eine reptilienbezogene Vorgeschichte hat.

Das Gift des Gila-Monsters enthält eine hormonähnliche Verbindung, die mit dazu beitrug, Medikamente zu inspirieren, die GLP-1-Signalwege ansteuern.

Heute nutzen Millionen Menschen diese Präparate – dennoch gibt es aus Sicht der Forschenden weiterhin Verbesserungsbedarf. Einige Studien legen nahe, dass bis zu die Hälfte der Anwenderinnen und Anwender GLP-1-Medikamente innerhalb eines Jahres absetzt, oft wegen Nebenwirkungen oder mangelnder Verträglichkeit.

„Wir glauben, dass es in diesem Markt weiterhin Raum für therapeutisches Wachstum gibt“, sagte Leinwand.

Um das voranzutreiben, haben Leinwand, Long und Kolleginnen und Kollegen ein Jungunternehmen gegründet: Arkana Therapeutics. Ziel ist es, „Python-Lektionen“ in mögliche Therapien zu übertragen.

Langfristig wollen sie seltene Python-Metabolite chemisch nachbauen, Analoga synthetisieren und diese in Richtung Arzneimittelentwicklung weiterführen.

Muskelverlust mit Pythonblut bekämpfen

Die Forschenden verstehen den Befund nicht als Einmal-Effekt. Pythons erhalten ihre Muskulatur während langer Fastenphasen aussergewöhnlich gut – und damit stellt sich eine weitere wichtige medizinische Frage: Könnte Pythonbiologie bei Sarkopenie helfen, also beim altersbedingten Verlust von Muskelmasse, der letztlich die meisten Menschen betrifft?

Derzeit gibt es keine breit wirksame Therapie, die Sarkopenie sicher stoppen oder umkehren kann. Wenn Pythons Muskeln über lange Zeit ohne Nahrung oder Bewegung erhalten, könnten dahinter biochemische Signalwege stecken, die sich zu untersuchen lohnen.

Leinwand sagte, das Team wolle über pTOS hinausgehen. Einige der anderen identifizierten Metabolite nahmen nach der Fütterung um 500 bis 800 Prozent zu und könnten ebenfalls nützliche physiologische Effekte haben.

„Wir hören nicht bei nur diesem einen Metaboliten auf“, sagte Leinwand. „Da gibt es noch viel mehr zu lernen.“

Medikamente zur Gewichtsabnahme aus Pythonblut

Diese Studie bedeutet nicht, dass „Pythonblut das nächste Ozempic“ ist. Sie unterstreicht jedoch einen wichtigen Punkt: Tiere mit extremen Lebensweisen könnten biochemische Werkzeuge in sich tragen, die die moderne Medizin bislang nicht erkannt hat.

pTOS ist ein Molekül, das nach einer Mahlzeit im Pythonblut stark ansteigt. Bei Mäusen scheint es den Appetit über eine Wirkung im Gehirn zu senken, während einige der grossen Nebenwirkungen ausbleiben, wegen derer bestehende Medikamente für manche Menschen schwer verträglich sind.

Als Nächstes müssen Forschende klären, ob der Ansatz beim Menschen sicher und wirksam ist und wie sich die Verbindung optimieren lässt. Ausserdem will das Team verstehen, welche weiteren „verborgenen“ Metabolite das Pythonblut enthält, die beim Abnehmen, bei der Stoffwechselgesundheit oder sogar beim Muskelerhalt helfen könnten.

Mindestens erinnert die Arbeit daran, dass die Natur voller ungewöhnlicher Lösungen steckt – und dass eine neue Idee für ein Medikament manchmal dort entsteht, wo ein Tier etwas kann, das Menschen nicht gelingt.

Kommentare

Noch keine Kommentare. Sei der Erste!

Kommentar hinterlassen